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Tagesnotizen des Rückkehrers

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Im April 1950 ist Anders an Bord eines Überseedampfers. Der Emigrant auf dem Rückweg. „Mir scheint, seit Jahren hatte ich daran gezweifelt, dass Europa noch da ist … Das heißt also Nachhausekommen: weit hinter sich die Leichen der Eltern zurücklassen; im Schutt einer Stadt stochern, die man niemals gesehen hatte … Und doch ist man zuhause.” Die Stationen sind Southampton, Paris, Zürich und endlich Wien. Die ersten Eindrücke: das Dekorative der Ruinen (…die Ruinen „sind pathetisch nur dann, wenn sie von einer Welt Zeugnis ablegen, die als ganze verloren ist”). Das Deutsch, das er spricht, nachdem er zehn Jahre englisch sprach, ist überholt und altmodisch. Die Leute sehen ihn an, als spräche er in Versen. Die Wiener werden argwöhnisch, wenn er ihnen sagt, dass London oder Rotterdam viel stärker zerstört sind als ihre Stadt. Nur die Zerstörung des Eigenen gilt etwas, keine Empathie für die anderen.

1953 Reise durch Deutschland. „Wenn es zerfällt, wird auch das Erbärmliche bedeutend …”, sieht er in Köln. Acht Jahre nach Kriegsende hat er in Berlin das Gefühl, nur den Stadtplan zu durchwandern, nicht die Stadt.

1958 besucht Anders die Stätten der ersten Atombombenabwürfe Nagasaki und Hiroshima, er setzt sich dem aus. Für ihn hat hier die ›Abschaffung des Krieges‹ stattgefunden für etwas, das „ungleich furchtbarer ist als der Krieg”: die „Vertilgung”. Das ist die Aktion, „die grundsätzlich auf keinen Widerstand mehr rechnet.”. Anders scheut sich nicht, die Schrecken aufzuzählen, die hier dokumentiert sind, um immer wieder zu sagen: genug davon! Und sich sogleich wieder und wieder ins Wort zu fallen: nein, nicht genug! „Denn Entrinnen ist dir nicht gegönnt.”

Rom sehen. Das war der Traum des Sechzehnjährigen. Nun, mit 56 Jahren, erfüllt sich Anders den Traum und stellt fest: zu spät. „Sinnlos, die Steine anzurühren.” Der erwartete Zauber stellt sich nicht ein. „Versäumt bleibt versäumt … Erst Hunger ohne Speise, und nun Speise ohne Hunger.” Er ist kein Mann, der einer Illusion noch eine Chance gäbe, er nimmt die Entzauberung hin, ohne zu zucken; er will Erkenntnisse, er kommt zu Erkenntnissen.

Wie sowas enden kann: Fritz J. Raddatz hat es in seinen Tagebüchern erzählt. Er sucht Anders in Wien auf, sieht die unbeschreiblich ärmliche Wohnung, die dreckige Küche voller Reste geronnener Speisen, die arthritisch verformten Hände, den ungebrochenen Stolz: Sein Freund Hans Jonas „bekommt die Preise für die Bücher, die ich geschrieben habe.” Das ist 1988, vier Jahre, bevor Anders, neunzigjährig, in Wien stirbt.

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