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Tagesnotizen aus Übersee

New York kann sehr zwielichtig sein © Fritz-Jochen Kopka

New York kann sehr zwielichtig sein
© Fritz-Jochen Kopka

Vor Jahrzehnten las ich „Die Antiquiertheit des Menschen”, ein Westbuch in der Ostberliner Stadtbibliothek in der Breiten Straße, da griff man immer gern zu, außerdem animierte mich der Titel. Das Buch übertraf meine Erwartungen noch bei weitem. Ich glaube, ich las zuerst den zweiten Band, der erste war ausgeliehen, und ja, der Autor war Günther Anders, der als Günther Stern auf die Welt gekommen und einmal der Ehemann von Hannah Arendt gewesen war. Die Ehe kann nicht lange gedauert haben. Hannah Arendt hatte einiges an ihm auszusetzen (er denke nur an seinen Ruhm), und er an ihr: vielleicht die allenthalben qualmende Zigarette in ihrer Hand. Die Bände trugen die Untertitel „Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution“ und „Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution”. Das war ein so nüchterner wie leidenschaftlicher Blick auf all das, woran wir uns in unseren modernen Zeiten längst gewöhnt hatten und was nicht ohne weiteres hinnehmbar war. Nachdem man das Buch gelesen hatte, meinte man einen Kompass zu haben, der einen etwas sicherer machte.

Jetzt fiel mir der Band „Tagesnotizen” in die Hand, Bibliothek Suhrkamp, Aufzeichnungen 1941 bis 1979, zusammengestellt von Volker Hage.

Es beginnt in Los Angeles. Anders ist Emigrant. Er hat sogar einen Job, gehört zur Reinigungskolonne des Hollywood Custom Palace, das ist wohl der Fundus der Filmstudios, Anders sagt: Leichenwäscher der Geschichte bin ich geworden. Der Fundus enthält alles von den Anfängen der Menschheit bis zu den Stiefeln der SA. Wenn diese Sachen gebraucht werden, müssen sie aufpoliert werden, das kann auch den Flüchtling Anders treffen. Er beschreibt das beispielhaft nüchtern und denkt über Echtheit und Falschheit, über Original und Kopie nach: „was kopiert wird, wird dadurch zum Original … Der Eltern Tod macht Kinder respektabel”. Ab 1943 ist Anders in New York, hat eine Stelle als Hochschullehrer und wundert sich über die amerikanischen Studenten. „Hatte gestern mit Studenten über deutsche Lyrik, besonders Liebeslyrik zu reden. Vollkommene Begriffs- und Gefühlsstutzigkeit.” Die jungen Amerikaner sind erbarmungslos straight. Sie wollen ihre Ziele erreichen und zwar sofort. Anders entwickelt die Ästhetik des Umwegs. „Denn Kultur besteht in Umwegen. Und Umwege sind zumeist Umwege um Tabus. Ohne Tabus, also ohne Umwege und die durch diese Umwege erzeugten Spannungen hätte es niemals Liebesgeschichten gegeben.”

Mehr über Günther Anders „Tagesnotizen” morgen oder später

  1. w. w.
    März 30, 2016 um 10:54 am

    Guten Tag, Fritz

    ich lese regelmäßig Deine Tagebuchnotizen und bin beeindruckt. Also wieder mal Zeit, Dir Danke zu sagen. Dein buntes Kaleidoskop an Themen, An- und Einsichten gefällt mir sehr wie auch Dein erstaunliche Arbeitsdisziplin, mit der Du nun seit Jahren Dich dieser Arbeit/Tätigkeit widmest. Es ist zumindest für mich ein Ansporn zur Selbstreflexion und was ich mehr machen sollte/könnte.
    Bleib dabei, so lange es Dir in vielerlei Hinsicht gut tut und das setzte ich voraus.

    Beste Grüße auch an Andrea

    Wilfried & Sylvie

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