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Straßen Stendals

Verwegenheit 1980 © Christian Brachwitz

Verwegenheit 1980
© Christian Brachwitz

Ich meine, in meinem Leben zwei Mal in Stendal gewesen zu sein, jeweils dienstlich. Die erste Tour noch zu DDR-Zeiten galt eigentlich Tangermünde, aber ich wohnte in Stendal, am Tage sollte es dann mit einer Kleinbahn nach Tangermünde gehen. Die winterliche Zugfahrt von Berlin nach Stendal war so dramatisch gewesen, dass ich am Abend in meinem Hotelbett lag, an allen Gliedern zitterte und mit den Zähnen klapperte, auch das Bett vibrierte. Am nächsten Morgen war ich rätselhafter Weise wieder auf dem Damm. Ein Highlight gab’s am frühen Abend, als ich von Tangermünde zurück nach Stendal fuhr. Zwei Suffköppe nutzten die intime Atmosphäre der Kleinbahn, sie gingen von Bank zu Bank und beleidigten jeden, der da saß, und wo sie nicht unverschämt waren, waren sie einfach ordinär. Von meinem zweiten Besuch in Stendal, schon in Deutschland, vermisse ich jede Spur. Es sollte in der Reportage um die Verlassenheit ostdeutscher Städte nach der Wende gehen, leerstehende Wohnblocks und so weiter. Ich glaube, im Hotel der einzige Gast gewesen zu sein. Neben dem Rathaus stand eher versteckt ein steinerner Roland. Und dann ging ich durch eine Zeile Plattenbauten und fragte die Einwohner nach ihren Aussichten. Überall liefen Gerichts-Shows in den TV-Geräten am hellen Tag. (Familiengericht, Jugendgericht, die Richterin Salesch) Diese Shows vermittelten ihnen das Gefühl, dass es noch Gerechtigkeit gab. Die Leute waren nicht deprimiert, aber ich war es. Nach Stendal hatte es auch einen Mitschüler verschlagen. Bei einem Klassentreffer gab er mächtig damit an, dass er das Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks bewachte, dessen Bau 1983 begonnen wurde und das nie in Betrieb ging. Warum muss man in unserem Alter noch angeben? Die Straßen Stendals waren meiner Erinnerung nach seltsam angelegt und führten zu nichts weiter als recht öden Plätzen. Vielleicht war es in Wirklichkeit gar nicht so, vielleicht sind das Traumsequenzen, die ich fälschlicherweise mit Stendal verbinde. Und dann steht nun dieser Junge hier mit dem schmutzigen Kragen und den rätselhaften Abdrücken, die man Tattoos nicht nennen möchte. Ich erinnere mich an Stendal und kann total verstehen, wie er aussieht. In diesen Städten hast du keine Chance. Er nutzt sie. Keiner übersieht ihn. Wenn er dir in den Straßen Stendals entgegenkommt, hast du das Gefühl von Kühnheit ohne Moral, was vielleicht noch besser ist als Feigheit oder Phlegma ohne Moral. Man weiß es eben nicht.

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