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Die Melancholie des Mülls

Wer mit solchen Kreissägen arbeitet, kann froh sein, wenn seine Finger noch komlett sind © Christian Brachwitz

Wer mit solchen Kreissägen arbeitet, kann froh sein, wenn seine Finger noch komplett sind
© Christian Brachwitz

Was wir sehen, Flaschen, Lumpen, Altpapier, wurde zum Zeitpunkt der Aufnahme 1979 Sekundärrohstoff genannt, wir sammelten als Kinder und brachten alles zum Altstoffhändler, für Altpapier bekam man wenig, für Knochen bekam man ziemlich viel Geld und am meisten für Buntmetall, aber Buntmetall lag leider nirgendwo rum. Der Mann auf seinem Hof ist kein VEB, kein Volkseigener Betrieb, er arbeitet privat oder selbstständig mit dem Müll, er sammelt auch Holz und zersägt es mit der rustiakalen Kreissäge. Alle Finger sind noch dran. Die Holzscheite werden in Säcke gelegt, die auch mehr oder minder Müll sind. Das Brennholz kann er gut verkaufen; keine Frage.

Die Melancholie des Mülls besteht darin, dass – unabhängig von Vergänglichkeit und Wiederverwendbarkeit – der Müll ansteckend wirkt. Der Hof wird Müll, das Haus wird Müll, der Schnauzbart wird Müll, und so kompakt die Gestalt des Mannes auch wirkt, seine Augen verraten es: Er kennt die dunklen Stunden des Lebens besser, als ihm lieb ist. Er kann alles gebrauchen, aber das Gebrauchte vereinnahmt ihn auch. Irgendwo steht immer ’ne Flasche Schnaps, die braucht er, um sich zu desinfizieren.

Ach ja. Einmal, als wir, wenigstens an den Wochenenden auf dem Land lebten und noch nicht an die Müllabfuhr angeschlossen waren, überlegten wir, was wir mit den Resten machen könnten. Vieles konnte man auf den Kompost werfen, vieles verbrennen, alte Kleidungsstücke konnte man umarbeiten, und was dann immer noch übrig blieb: Daraus konnte man kleine Geschenke basteln und andere Leue damit belasten.

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