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Hängengeblieben

Hängengeblieben – ist doch schön hier © Fritz-Jochen Kopka

Hängengeblieben – ist doch schön hier, die Strickjacke, der Hund, das Schloss, gespiegelt im Wasser
© Fritz-Jochen Kopka

Zu DDR-Zeiten wurde auch ich gecastet, an zwei Ereignisse erinnere ich mich gerade.

Ich hatte keinen Studienplatz bekommen und dachte, ich würde in der Kleinstadt hängebleiben, die ein paar Seen und ein paar Kirchen hatte, ein Theater, dessen Schauspieler verspottet wurden, ein Schloss, zwei Kinos, drei erfolglose Fußballvereine … Eine Milchbar, ein Jugendklubhaus. Ich spielte im Kabarett, ich schrieb und las im Zirkel Schreibender Arbeiter, ich spielte Tischtennis bei der BSG Post Güstrow. Manchmal fuhren wir zu den Punktspielen im gelben Paketauto durch den Bezirk Schwerin. Der bizarrste Ort, den wir erreichten, war Zarrentin, Traktor Zarrentin, ziemlich nah an der Westgrenze (Wikipedia: Der Name könnte übersetzt heißen „Ort des Bösen“.)

Eines Tages tauchte ein blonder Lockenkopf aus Berlin bei der Kabarettprobe auf. Er sah sich an, was wir machten, er sah sich überhaupt die ganze Stadt an; und nach der Probe sprach er mich an, sie suchten Moderatoren für ihre Sendung im Jugendfernsehen, vielleicht wär das was für mich oder ich für sie. Er fuhr wieder nach Berlin und sagte, ich würde von ihnen hören. Dann bleibe ich doch nicht hier hängen, dachte ich, dachte aber auch, dass das sowieso nichts wird, wie ja alles nichts wurde, und es passierte auch nichts. Später kreuzten zwei Redakteure bei mir auf, unterhielten sich mit mir, wie etwa auch der Lockenkopf sich mit mir unterhalten hatte, und dann kam die dritte Stufe, die fand in einem Hotel in der nahegelegenen Kleinststadt Schwaan statt. Wir spielten einem Regisseur und einem Kameramann einen Sketch aus unserem Kabarettprogramm vor. Das Vorspiel fand in einem schäbigen Hotelzimmer statt. Der Regisseur hat einen bedeutenden Schnauzbart in einem mürrischen Gesicht, er sah sich das an und sagte kein Wort. Das war alles.

Zwei, drei Jahre später wurde ich noch mal gecastet. Das war in Leipzig. Ich war doch nicht in der Kleinstadt hängengeblieben. Ich war Student, ich spielte in der Studentenbühne, und bei diesem Casting ging’s um die Silvestersendung des DDR-Fernsehens. Immer zu viert spazierten wir in den Probenraum, da saßen nun wieder Regisseure und Kameraleute, die machten irgendwelche blöden Witze und wir, so hatte man uns instruiert, sollten uns möglichst ausschütten vor Lachen. Wer am hemmungslosesten und ohne Grund lachen konnte, hatte gute Chancen, und wer dazu noch ein bisschen bescheuert aussah, der war schon so gut wie genommen. Es war immer ein Glück, nicht auserwählt zu werden, aber das wussten wir damals noch nicht. Also war man blöd genug, in künstliches Gelächter auszubrechen, rumzuzappeln und Grimassen zu schneiden, um die hundert Mark zu verdienen oder rauszukommen aus der Misere.

Später habe ich die meisten Leute wieder gesehen, als ich für ein paar Jahre beim Fernsehen arbeitete. Der Lockenkopf war sehr dick und sehr einsam geworden, ich sah ihn oft am Wochenende auf der Trabrennbahn, er trug ein weißes Hemd und weiße Jeans, anscheinend war er der Wettleidenschaft und dem Alkohol verfallen. Der Regisseur trug immer noch seinen bedeutenden Schnauzbart. Er war für kleinste Produktionen zuständig, und wenn sie in der Republik unterwegs waren, wohnte er mit der Aufnahmeleiterin zusammen in einem Hotelzimmer; sie führten eine regelrechte Arbeitsehe, obwohl oder weil sie beide anderweitig verheiratet waren. Das ging so durch. Wahrscheinlich hatten sie alle einen Knall, ich will keinen ausschließen.

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