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Drei Leben in einem Haus

„Die Hauswände bestanden aus Jerusalemer Steinen, die ihre wilde, unbehauene Außenseite zeigten …”

„Die Hauswände bestanden aus Jerusalemer Steinen, die ihre wilde, unbehauene Außenseite zeigten …”

Von Amos Oz hatte ich nichts gelesen, aber jetzt „Judas”, erschienen bei Suhrkamp.

„Er war ein kräftiger junger Mann, fünfundzwanzig Jahre alt, empfindsam, ein Sozialist und Asthmatiker, schnell zu begeistern und leicht zu enttäuschen.” – Das war der Satz, auf der ersten Seite, der mich sofort hineinzog ins Buch, so geht das. Der kräftige junge Mann ist Schmuel Asch. Er bricht sein Studium ab wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte, aber auch wegen seiner M. A.-Arbeit „Jesus in den Augen der Juden”, mit der er nicht weiterkommt, obwohl er sie einst mit großer Begeisterung begonnen hat. Alles, was ihm einfällt, alles, was er entdeckt, haben längst schon andere geschrieben. Weiter las ich, immer wieder animiert von Beschreibungen wie dieser: „Professor Eisenschloss” (Schmuels Lehrer) „war ein kleiner, penibler Mann mit einer bierglasdicken Brille und scharfen, eckigen Bewegungen, die denen eines Kuckucks glichen, der plötzlich aus dem Türchen einer Wanduhr schoss.” Ich bekomme ein anschauliches Bild davon, wie man in Jerusalem lebt. Ich kriege einiges an überraschender Bibel-Auslegung. Zum Beispiel: Judas war ehrenwerter Mann. Unter den Jüngern war er der glühendste Verehrer Jesus’, und wenn er seinen Meister verriet, dann nur darum, damit er seine historische Mission erfüllen konnte: Ans Kreuz geschlagen werden und vor den Augen der Menschen auferstehen, um das Zeichen der Erlösung zu setzen. Nie und nimmer hätte Judas Jesus für dreißig Silberlinge verraten. Im Gegensatz zu den anderen Jüngern, armen Fischern und Bauern, war er ein vermögender Mann, schon darum ist dieser Teil der Erzählung unwahrscheinlich.

Schmuel Asch, der Student, der sich selbst exmatrikuliert, findet einen Job in einem abgelegenen, ramponierten Haus, wo er den verkrüppelten, geistig hellwachen Gerschom Wald zu betreuen hat. „Er war ein hässlicher Mensch, lang und breit und krumm und bucklig, mit einer Nase so spitz wie der Schnabel eines Vogels, und die Krümmung seines Kinnes erinnerte an eine Sense.” Wald spricht polemische Monologe ins Telefon. Auch Asch muss ihm sein Ohr leihen und kann schüchtern seine Argumente vortragen. Im Haus lebt nicht zuletzt Atalja, Walds Schwiegertochter, deren Mann auf bestialische Weise getötet wurde, eine Frau in mittleren Jahren, schön, rätselhaft, unnahbar. Die Situation zwischen diesen drei Menschen in dem verfallenden Haus ist hochintensiv, voller Zwischenfälle und Offenbarungen, Hingabe und Verweigerung.

Schließlich noch ein Satz aus den Gesprächen zwischen Gerschom Wald und Schmuel Asch: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden.”

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