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Bild eines alten Vaters

Botho Strauß, Herkunft. Hanser Verlag. So fängt das an: „Der Vater sitzt an seinem Schreibtisch, sieht hinunter auf den Fluss, den Kurgarten, ist immer zuhaus von früh bis spät, unterbricht die Tagesarbeit nur zu den Mahlzeiten und zum Mittagsschlaf.”

Eine Welt ist aufgerissen, eine alte Welt, die man vermissen könnte. „Viele Fragen habe ich meinem Vater gestellt und habe immer gute Antworten bekommen.” Als das Fragen noch geholfen hat. Der Alte und der Junge versuchen sich gegenseitig zu überzeugen von dem, was sie lesen. Der Alte Thomas Mann („Er belieh ihn auch stilistisch.”), der Junge Brecht. Der Vater konnte aber auch jenseits von Thomas Mann ein „gewandtes und unmanieriertes, sehr ansprechendes Deutsch schreiben … Daneben verriet er eine fatale Neigung zu harmloser Heiterkeit in der Literatur.” Auch ein Buch hatte der Vater geschrieben; eine kritisch-satirische Monatsschrift verfasste und versandte er an eine interessierte Klientel. „Er las mir hin und wieder etwas daraus vor und musste ertragen, dass ich mich von seinen reaktionären Bosheiten abgestoßen fühlte.” Anscheinend waren Vater und Sohn gewohnt, offen mit einander zu reden. Das macht ihre Beziehung, bei aller Distanz, eben so reich.

Der Vater, 1890 geboren, war einäugig seit einer Gefechtsnacht 1916. Das Projektil, das seine Stirnwand durchschlug, wurde aufgehoben, des Tages der Verwundung (und des Überlebens) alljährlich gedacht. Auf der Straße, unterwegs mit anderen Jungs, genierte Strauß, wenn sie seinen Vater trafen, der ein Kriegsversehrter, ein Unzeitgemäßer und ein Unbeugsamer war. Der Vater hat über die Verleugnung nicht gesprochen, er hat sie mit einem bitteren Lächeln registriert, das dem Sohn ewig nachging.

Ein alter Vater. Als Botho zur Welt kommt, ist er 54. Er verlässt Naumburg, wo er Mitinhaber einer pharmazeutischen Fabrik ist. „Wir sind weggegangen, weil wir nicht wollten, dass du dort zum Kommunisten erzogen wirst.” Botho Strauß nimmt den Systemwechsel überraschend leicht, der Vater hätte „ruhig bleiben können, er wäre gebraucht und gut untergebracht worden, allerdings der Fabrik enteignet”. Von der Angst, zum Kommunisten erzogen zu werden, spricht der Sohn gar nicht erst, er weiß wohl, dass die Gefahr so groß nicht war. Er ist ein Mann, der nicht einzufangen ist, was sicher auch auf den Vater zurückgeht. Ein Autor, bei dem man Sätze liest und Einsichten vernimmt, die woanders nicht zu finden sind. „Immer formt Schicksal eine tiefere Einsicht, als die Intelligenten, die seine Macht nie zu spüren bekamen, sie für sich in Anspruch nehmen dürfen.” Ein nachdenkliches, feinstimmiges, auch trauriges Buch, in das, da bin ich sicher, ich immer mal wieder reinschauen werde. „Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das über die Generationen sich fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht.”

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