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Verpasste Begegnung

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben …” © Christian Brachwitz

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben …”
© Christian Brachwitz

So steht’s auf dem Foto: Kafka in Budapest. Aber der an die Wand geklebte, vom Wetter schwer mitgenommene Mann sieht eher aus wie einer von Kafkas Protagonisten, der Prokurist Josef K. aus dem Prozess oder der Landvermesser K. aus dem Schloss oder Gregor Samsa, als er noch kein Käfer war. Ein Mann mit einem so standhaften wie verzagten Blick, der längst weiß, dass er seine Feinde, mit denen er eigentlich nichts zu tun hat, nicht zu Gesicht bekommen wird. Die Anonymität der modernen Welt. Er kann sie also nicht bekämpfen, er kann sie auch nicht davon überzeugen, dass er harmlos ist. Sie sind unsichtbar, ungreifbar.

Budapest ist die Stadt, in der Kafka Felice verpasst, seine Verlobte. April 1915. Beide sind in der Stadt, verfehlen sich um ein paar hundert Meter, sinnbildlich für ihre Beziehung, sie haben sich nicht abgesprochen, sie gehen in die falsche Richtung. Welches Glück wäre es gewesen, wenn sie sich zufällig in der fremden Stadt getroffen hätten. Vielleicht hätte Kafka dann einmal seinem Glück getraut.

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