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Zwischen minus und plus

Die Musik spielt heut am Rodelberg

Die Musik spielt heut am Rodelberg

Beim letzten Einkauf des Jahres stehen wir an der Kasse und müssen beobachten, wie am Ausgang eine Migrantin festgehalten wird. Zunächst verstellt ein Mitarbeiter ihr den Weg, dann kommt noch ein Rausschmeißertyp hinzu. Supermarktdetektiv und Schläger. Die Frau will sich nicht am Weggehen hindern lassen, sie versucht, an den Typen vorbeizukommen. Schließlich gibt sie nach und lässt sich durch die Halle in ein Hinterzimmer führen. An ihrer Hand ein heulendes Mädchen, auf dem Rücken ein mittlerer Rucksack. So viel kann sie nicht eingesteckt haben. In Deutschland klaut man eigentlich nicht. Der Vorgang ist peinlich für alle Seiten.

Sonnabend ziehe ich die Fotos für Kalender auf einen USB-Stick und fahre zu Rossmann. Unterwegs merke ich, dass ich meine Brille vergessen habe. Die Fotoautomaten sind belagert, einige Leute haben sich dort recht gemütlich eingerichtet. Eventkultur. Man braucht nicht viel, um aus jeder Lappalie ein Ereignis zu machen. Wegen der fehlenden Brille bin ich verunsichert; anscheinend beantworte ich einige Anfragen mit meinen Klicks nicht richtig. Dann läuft das Ausdrucken doch an, aber sehr zögerlich. Schließlich kommt es zu einem Papierstau. Ich suche eine Mitarbeiterin, beim dritten Versuch habe ich Erfolg. Die Frau weiß, wie man’s macht, wechselt Papierrolle und Toner aus, was seine Zeit braucht, und dann reagiert der Automat noch nicht richtig, aber letztlich habe ich meine Bilder doch in der Hand. Bei Penny hat jemand erschöpfend zwischen die Fahrradständer gekotzt; ich muss mein Rad anderswo hinstellen. Die meisten Leute im Markt sind nervös; besonders abartig ein Mann um die fünfzig, gebärdet sich neben seiner eher ironischen Begleiterin wie ein Weltmeister aller Klassen, zappelt, läuft herum, spreizt die Beine, geht in die Kniebeuge, vergräbt die Hände cool in den Taschen, die Nase hochgesteckt. Woher kommt so viel Renommiersucht? Gleich weiß ich es. Er steigt in einen Porsche-Sportwagen. Das Fahrzeug hat ihn schier verrückt gemacht. Und nun springt es nicht an.

Letzter Gruß des Herbstes

Letzter Gruß des Herbstes

Welchen Charakter hat dieser Winter im Zeitalter des Klimawandels zwischen minus und plus? Entgegen der Voraussage sind heute Morgen 5,6 Grad minus auf dem Barometer. Und der Schnee vom letzten Mal ist gefroren. Der DHL-Fahrer (Wein) sagt, dass die Straßen in einem katastrophalen Zustand sind und dass es morgen noch schlimmer wird. Ich lese überall ein bisschen. Doctorow, Knausgard, Schleef. Heimat 2, Teil 4, Ansgars Tod, ist für den Abend fest eingeplant und dabei bleibt es. Hermanns Cellokonzert für Clarissa, seine Performance für Frau Moretti, Ansgar als Straßenbahner in Uniform, seine Selbstzerstörung, seine verzweifelten Versuche, aus der Depression auszubrechen, seine bigotten Eltern und die Straßenbahn, die seine Kapitulation und sein Tod ist. Was wird aus Clarissa, was wird aus Eveline mit ihrer dunklen Stimme.

Beim Aufräumen: ein Interview mit dem Maler Joachim John aus dem ND vom letzten Jahr. Auffällig und überraschend, dass er bekennt, vieles nicht verstanden zu haben in seinem langen Leben. Er wollte Schauspieler und Schauspielregisseur werden und fand, dass die Theater alles falsch machen, um später mitzubekommen, dass er die Stücke, die er gelesen hatte, nicht verstanden hatte. Auch den Faust 2, den er viel höher schätzt als Faust 1, hat er zum größten Teil nicht verstanden. „Vieles, was in meinen Zeichnungen steht, kapiere ich gleichfalls nicht … Das ist eine Eigenheit von Kunst.” Und dann: „Ich bin gemäßigt katholisch erzogen worden, immer das katholische Geheimnis im Hintergrund, was mich vom Erotischen abgeschnitten hat. Ich bin jetzt 82, und ich hab die Erotik, die ganze Geschlechterbeziehung nicht verstanden.” Zu seinen Gedichten: „Das ist eine große Verführung, nämlich etwas zu tun, was man selber nicht durchschaut.”

Mittwoch der Dreizehnte … , is ja nichts Schlimmes. Die Luft ist wie Wasser. Granulat liegt auf den Steigen, ich fürchte um meine Reifen. Nicht meine, die meines Fahrrads, ist klar. Ein halbes Landbrot beim Bäcker, zwei Bauernbrötchen. Bin ganz auf Land getrimmt. Nach mir der alte Mann, der mir mit seinem schrägen Gang schon ein wenig den Weg versperrte. Nun liegt da seine Kundenkarte, ich greife instinktiv danach, besinne mich aber, und sage: Sind Sie das? Ja, sagt er, das bin ich. Es ist aber nicht er, sondern seine Karte. Wir reden aber so. Alle.

Achtung Fiskus: Lady Godiva is back

Achtung Fiskus: Lady Godiva is back

Am Abend – („Hör mal, wie es schneit!”) – fällt Schnee, anscheinend die ganze Nacht hindurch. Da weiß ich, was mir am Morgen blüht. In der Frühe höre ich die vertraglich gebundenen Schneepflüge und die privaten Schneeschieber. Temperatur um den Nullpunkt. Fast ist es eine Freude, den Schnee wegzuschieben in dieser erneuerten Atmosphäre. Der frische Schnee sorgt für eine kurzzeitige Neuerschaffung der Welt und verströmt Glückshormone. Familien mit Schlitten ziehen ins Wäldchen, wo es einen Rodelberg mit breitem Rücken gibt. Platz für alle; Gelächter, Rufe, Jubel. Das Joggen im Schnee, ermüdend und erfrischend zugleich. Freunde erzählen vom mythischen Höhepunkt dieses Wintersonntags: Eine junge Frau reitet fast unbekleidet auf ihrem Ross über die Lichtung. Lady Godiva der Neuzeit. Man kennt sie aus dem Mittelalter und aus dem Song von Peter & Gordon. Indem sie nackt durch die Stadt ritt, erließ ihr Mann den geplagten Untertanen die extreme Steuerlast. Die Reinkarnation…, nehmt sie als Zeichen.

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