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Der Sinn im Wahn

Mysterious windows of New York

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E. L. Doctorows letztes Buch, In Andrews Kopf (Andrew’s Brain) bei Kiepenheuer & Witsch, kann natürlich nur ein Alterswerk sein. Doctorow erlebte sein Erscheinen in Amerika noch. Als es in Deutschland herauskam, war er tot. Alterswerke können so oder so sein. Der Autor will es seinem skeptischen Verleger noch mal zeigen, er kann es noch, er hat noch Kraft, er ist noch nicht senil. Oder. Der Autor nimmt sich alle Freiheiten, die er braucht. Er kann abschweifen, abbrechen, Nebenwege gehen, einen Gedanken oder Handlungsfaden in der Luft hängen lassen. Er kann ein bisschen verrückt spielen und unberechenbar sein. Wenn er nur das erzählt, was er noch zu sagen hat. So ein Roman ist Andrew’s Brain. Andrew ist Kognitionswissenschaftler. Was wir von ihm wissen müssen, erzählt er einem Psychologen oder Psychiater, den er Doc nennt und der der Geschichte immer ein bisschen hinterherhinkt, indem er nicht unbedingt die intelligentesten Fragen stellt. Der Roman beginnt: Andrew steht vor der Tür seiner Ex-Frau Martha und gibt ihr das Kind, das er mit seiner zweiten Frau hat, die bei Nine Eleven umgekommen ist. Er schafft es nicht, sich um das Kind zu kümmern, er ist ein Mann, der das Unglück anzieht. Er ist überzeugt, „dass ich mit allem, was ich tue, allen, die ich liebe, Schaden zufüge”. Das ist keine fixe Idee, das ist eine Erfahrung, die er machen musste. Wahrer noch: Er ist ein Mann, der letzten Endes keine Gefühle hat, „im Guten wie im Bösen … Meine Seele ruht in einem stillen, tiefen, schönen, emotionslosen, ruhigen und kalten Tümpel des Schweigens”. Ob so etwas real ist oder nicht, ob es eine Versuchsanordnung ist – wie ergeht es einem Menschen, der keine Gefühle hat, keine Schuld empfinden kann – egal. Wir folgen Doctorow und seinem Helden. Er ist ja nicht nur für Reue, er ist ja auch für Glück unempfänglich. Meistens werden solche Leute – gerade in Romanen – Monster. Andrew nicht. Er weiß theoretisch, was gut und böse, was Glück und was Unglück ist und versucht, an diesem schmalen Geländer entlang zu gehen. Und er wird geliebt, der Mann, dem ständig etwas zustößt, fordert die Gefühle der Frauen heraus. Nach Martha ist es die Collegestudentin Briony. Eine schlanke, weizenblonde Schönheit mit heller Haut verliebt sich in ihn. Andrew, der keine Gefühle hat, „erkennt das Leben, wie es sein sollte.” „Briony besaß die intellektuelle Vermessenheit der Jugend, die Angelesenes für eigene Ideen hält.” Wunderbar. Es stört Andrew nicht. Aber er ist irritiert, als sie zu Brionys Eltern fahren. Betty und Bill. Sie sind Zwerge. Showbusinessartisten im Ruhestand. Nette Leute. Gutaussehend. Wohl proportioniert. Sehr klein. „Sagen Sie, Doc, warum rührt etwas im Miniaturformat immer unsere Gefühle an?” Also doch Gefühle. Der Kognitionswissenschaftler kann nicht verstehen, wie seine hochgewachsene schlanke Schönheit und diese zwergischen Eltern zusammenpassen. Aber sie erklären ihm irgendwie, warum Briony sich ausgerechnet für ihn, den alten, depressiven Trottel entschieden hat. Der unwürdige Liebhaber. Ich kann nicht sagen, worauf Doctorows letzter Roman hinausläuft. Nach dem Tod Brionys in Schutt und Asche des neunten September 2001 erweitert sich Andrews Bewusstsein ins Unfassbare. Weiterleben, wenn man eigentlich nicht mehr weiterleben kann. Es geht um den Sinn im Wahn und den Wahn im Sinn. „Die Arbeit des Gehirns besteht darin, etwas vorzutäuschen. Das ist seine Funktion. Das Gehirn kann sogar vortäuschen, nicht es selbst zu sein.”

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