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Beliebte Fremde

In einem anderen Land © Christian Brachwitz

In einem anderen Land
© Christian Brachwitz

1981 oder so gingen Brachwitz und ich durch Zwickau. Wir machten eine Reportage über die Stadt, besuchten ein Bergbaumuseum, in dem ein pensionierter Bergmann uns etwas über den Untergang des Bergbaus in Zwickau erzählte, wir kletterten einen Kirchturm hinauf, um uns das Stadtbild von oben anzuschauen, wir sahen uns das Fußballstadion an, das, glaube ich, Georgi-Dimitrow-Kampfbahn hieß, und am Abend landeten wir in der Neuen Welt, so heißt das Konzert- und Ballhaus, 1903 jugendstilmäßig gebaut. Manchmal wundert man sich, dass die DDR nichts gegen solche Namen hatte, denn Neue Welt klingt eher nach Amerika, und das konnte nicht in ihrem Sinne sein, also im Sinn der DDR. In der Neuen Welt setzte sich ein älterer geselliger Sachse an unseren Tisch und wusste viel zu erzählen. Am Ende des Tags lud er uns noch in seine Wohnung ein. Wir winkten ab. Er war beleidigt und rief: Warum denn nischt! Ich bin doch keen Hunnertfünfundsiebzscher!

Natürlich gingen wir auch ins Trabant-Werk. Da trafen wir dann wohl auch diesen Vietnamesen. Der Kleinwagen Trabant wurde in der DDR einerseits geliebt, aber vielleicht noch mehr verspottet. Schlager wie „Ein himmelblauer Trabant” machten die Sache noch schlimmer. Die Trabantbauer erzählten uns, dass sie schon lange an einer moderneren Variante ihres Kleinwagens herumexperimentierten, Viertaktmotor, umweltfreundlich, aber sie bekamen nie grünes Licht. Dem Vietnamesen wiederum war der Trabant nicht peinlich, der fand den Wagen ganz normal. Das tat den Trabantwerkern natürlich gut. Die Vietnamesen waren überhaupt ziemlich beliebt in der DDR, und sie sind es im heutigen Ostdeutschland erst recht. Das sind Leute, die verstehen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Damals tranken wir bei einem Vietnamesen Tee. Der hatte sich aus der Gruppe der Trabantarbeiter und aus dem Arbeiterwohnheim herausgelöst, eine kleine Wohnung gemietet und arbeitete als Dolmetscher, Übersetzer und Journalist. Er erzählte, wie es ihm in Zwickau und in der DDR so ging, aber was er wirklich dachte, wusste natürlich kein Mensch.

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