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Alte Journalisten-Krankheit

Silvesterdreck

Silvesterdreck

Seit den Ereignissen der Silvesternacht in Köln (und nicht nur da) arbeiten sich Politik und Medien an diesem Ereignis ab. Ein Ereignis, das so fundmental war, dass damit ein Dammbruch in der öffentlichen Meinung eintrat. Es wird jetzt mehr gesagt als vorher, man ist schon eher geneigt, den Tatsachen ins Auge zu blicken, es ist sogar erlaubt, 1 und 1 zusammenzuzählen. Dabei ist der Faktenstand dünn und widersprüchlich, Verdächtige werden festgenommen und freigelassen, die Mutmaßung ausgesprochen, dass es nicht zu Verurteilungen kommen könnte, weil die Beweis- und die Gesetzeslage dies nicht zulassen.

Nach den Nachrichten und Berichten kamen die Reportagen, kamen die Kommentare, die Meinungen und Kolumnen. Zwangsläufig tritt eine alte und immer neue Krankheit des Journalismus auf. Aus Autorensicht definiert sie sich so: Es ist jetzt so viel und so viel Gleiches gesagt worden. Ich als namhafter Publizist/In erhebe aber den Anspruch, etwas zu sagen, was noch keiner gesagt hat. Und dann bemüht man sich nach Kräften, das alte Schema: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig” noch einmal zu übertreffen, weil das ja auch schon so oft gesagt worden ist.

Zunächst mal ist dann die Polizei schuld; die hält viel aus, damit tut man keinem weh. Ist allerdings nach kurzer Zeit auch schon dauernd gesagt worden. Damit werde ich nicht originell. Ich will aber originell und einmalig sein. Dann sage ich eben, dass durch die Debatte (der anderen) gar nichts erreicht wird, dass vielmehr die bestohlenen und sexuell missbrauchten Frauen ein zweites Mal missbraucht werden. Wie das? Das können doch nur Leute von sich geben, die von wirklichem Missbrauch keine Ahnung haben. Und dann dauert es nicht mehr lang, und wir sind bei den wahren Schuldigen angekommen. Einige Feministinnen sehen die wahre Schuld beim Sexualverhalten des deutschen Mannes. Und bei der Gesetzgebung: Begrapschen ist in Deutschland ja noch nicht mal strafbar. Es hört sich an, als lebten wir in einem Land voller sexualisierter Gewalt, frauenfeindlich, frauenverachtend. Und den Vogel schießt schließlich Jakob Augstein ab. Spiegel Online: „Kultureller Hochmut gegenüber dem Islam verbindet sich mit der Abwehr des eigenen Sexismus … , die wahre Lehre von „Köln“ hat viel weniger mit grapschenden und stehlenden Ausländern zu tun als mit den Deutschen selbst: Sie können sich ihrer selbst nicht so sicher sein wie sie bisher geglaubt haben. Bis weit in die Kreise hinein, die sich selbst für liberal halten, hat sich ein Rassismus mit gutem Gewissen verbreitet. Es sind nicht die notgeilen Muslime, die wir fürchten müssen. Sondern uns selbst.”

Das nenne ich frivol. Der Journalist genießt ja den Vorzug, dass ihn nach einer Woche niemand mehr befragt, was er da von sich gegeben hat. Da kann er schon die nächste Parole raushauen. Pseudointellektueller Übermut, deutscher Selbsthass, alles dabei. Und wenn ich die Größe besitze, wir zu sagen und mich einzubeziehen in die deutsche Selbstanklage, dann schaffe ich es, mich gleichzeitig ein ganzes Stück über dem deutschen Volk zu verorten. Denn ich habe erkannt, wie schlimm wir sind, und damit bin ich schon – ja, fast ein Halbgott.

Ich – jetzt spreche ich wirklich von mir – bin immer dafür, die Schuld zuerst bei mir zu suchen. Aber wo nichts ist, kann man nichts finden, und wenn man es trotzdem versucht, kann man leicht irrewerden.

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