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Writers and Dogs Like to Drink

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Der neue und die früheren Kalender. Männer könnten einen Sexismus-Vorwurf erheben, denn meistens schafften es Frauen auf den Titel. Aber sie tun es nicht, sind darüber erhaben. 

Der letzte Blick auf den Aufbau-Literaturkalender von 2015. Auf dem Titel Truman Capote, neben ihm ein mopsartiger Hund, eine Brille, eine Zeitung. Der skeptische Blick über die Schulter in die Ferne. Capote sieht aus wie ein vernachlässigtes Kind, das er ja auch tatsächlich gewesen ist und wofür er sich  zu rächen hatte, zum Beispiel mit seiner Klatschsucht, vor der niemand sicher sein konnte. Kurt Tucholsky, auch noch im Januar, im dreiteiligen Anzug, in einem Boot, aber an Land sitzend, er sieht so aus, wie Erich Kästner ihn beschreibt, ein kleiner dicker Berliner, man könnte ihn mit Franz Werfel verwechseln, es macht ihm zu schaffen, dass die Deutschen die Leichtigkeit seiner Werke nicht zu schätzen wissen.

Auch Eva Strittmatter hat man wegen des großen Publikumserfolgs ihrer Gedichte unterschätzt. Die Leute „halten mich für stärker/Als ich in Wirklichkeit bin”. Aus den Tagebüchern ihres Mannes Erwin weiß man, dass sie beängstigend viel aß und damit ihre Gesundheit ruinierte. Michail Bulgakow 1935 auf dem Balkon seiner Moskauer Wohnung, leuchtendweißer Hemdkragen, Manschettenknöpfe, Sorgen, „Der Meister und Margarita” ist noch nicht geschrieben. Émile Zola, ein alter Herr mit Melone und Kneifer, müht sich mit einem Fotoapparat ab und sieht dabei etwas vertrottelt aus, was nur eine Täuschung sein kann. Die Argentinierin Victoria Ocampo war mir nicht bekannt. Eine schöne Frau, die sich ziemlich einmalig über das Reisen äußert: „Es wird traurig sein. Ich bin viel glücklicher mit dem, was mich ständig umgibt. Reisen heißt für mich, die Seele in alle vier Himmelsrichtungen verstreuen …”

Sarah Kirsch als 33jährige in Berlin mit einer Apothekertasche zwischen zwei Stapeln leerer Kisten. 1981 zog sie nach Tielenhemme in Schleswig-Holstein und lebte zwischen Bäumen, Rosen, Deichen, Vögeln und Katzen. „Gottes Löwin die Sonne hinter Wolken verbannt.” Im Mai Swetlana Alexeijewitsch, mit dem rötlichen Haar und den zuversichtlichen Augen, als wüsste sie schon etwas vom Nobelpreis.

James Salter, der Kampfflieger, der zum Dichter wurde, die Brille in die Haare geschoben, das längliche Gesicht ein Muster von Gelassenheit. „Er mochte die Stille, die goldene Farbe des Whiskys, und Lesen.” Bruce Chatwins breite Stirn, die Bergschuhe über der Schulter, der Rucksack auf dem Rücken, immer bereit, den Standort zu wechseln, der Nomade, der, wohin er auch kam, mehr sah als andere.

Das Lachen von Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die Begründer des schwedischen Krimimalromans, wie wir ihn heute kennen und bei dem uns das Lachen im Halse steckenbleibt. Charles Bukowski liest, raucht und trinkt, so war es 1978 in der Hamburger Markthalle, eine Flasche Müller Thurgau in der Hand, eine Flasche Weißwein auf dem Tisch, einige weitere sicher in Bereitschaft. Auch Walter Benjamin hat die Zigarette in der Hand und die Anwesenheit der Kamera völlig vergessen, der Gelehrte, der unglücklich Liebende, der immer in Geldnot Befindliche, der Flüchtling. Aus einem Traum: „Als der Schuss fiel, erwachte ich nicht, sondern sah mich eine Weile als Leiche liegen.”

Benno Pludra, Liebling der Kinder, auf einem Stuhl neben dem Haus, einen verhüllten Blumenstrauß zwischen den Beinen, ich erinnere mich, dass er das vornehmste Berlinisch sprach, das ich je hörte. Jan Rieckhoff hat Friedrich Nietzsche so gezeichnet, dass man ihm die schwere psychische Krankheit sofort ansieht. Keine Spur von „Gelobt sei, was hart macht.” Die aparte Amerikanerin Edith Anderson, die sich in den deutschen Emigranten Max Schroeder verliebte, dem sie folgte, um fortan ein Leben als Fremde in Ostberlin zu leben, was nicht immer schlecht sein muss: ein Leben als Fremde. Und noch eine Schriftstellerin, die man eher nicht kennt: Clarice Lispector. In der Ukraine geboren, in Rio de Janeiro früh verstorben, legendär geworden als Sphinx von Rio de Janeiro, sie und ihr rauchender und Alkohol trinkender Hund Ulisses. Und schließlich, ziemlich am Ende des Jahres, Zelda und Francis Scott Fitzgerald, vielleicht das zerrissenste aller Ehepaare. Woody Allen, der, auch im Dezember, im Kalender an der Schreibmaschine brütet, hat den Fitzgeralds in „Midnight in Paris” noch mal einen schönen Auftritt beschert. Das und viel mehr war 2015 in der Literatur. Mach’s gut, altes Jahr.

  1. Wilfried
    Januar 9, 2016 um 6:57 pm

    Danke für Deine subtile,ideenreiche Erinnerung und Zusammenfassung, Fritz.

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