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Letzte und erste Tage

Mount Mitte Berlin. Kletterübrungen für 2016

Mount Mitte Berlin. Der technische Berg. Kletterübungen für 2016

Bei einbrechender Dunkelheit schraube ich den Briefkasten ab. Hätte ich auch früher mit anfangen können. Die Schlitze der Schrauben sind kaum noch zu sehen. Jedes Jahr der selbe Mist am Silvestertag. Wir nehmen die wichtigsten Karten aus den Portemonnaies (falls man überfallen wird) und verstecken sie zu Hause. Alle Jalousien runter; auf in die Stadt.

In der Linienstraße werfen sie Blitzknaller aus den Fenstern, treffen aber nur das Pflaster.

Die Damen legen kleine Pelzkragen an. Wir beginnen in der Küche mit Prosecco und Chili Con Carne. Weiter geht’s mit Weißwein, Roastbeef, eingelegter Paprika und Knallbonbons. Ein Kurzfilm von Pierre Etaix (Picknick im Grünen, Errichtung eines Zauns, Jagdversuche) und Musik aus der Cloud. Als Marianne Rosenberg Er gehört zu mir singt, kommt es zu einer heftigen Tanzszene. Daliah Lavi erhält bei Willst du mit mir gehen volle Unterstützung aus allen Kehlen. Wenn sie für sie schrieben, hatten die Texter ihre besten Stunden. Um null Uhr Champagner, danach Oldesloher Klarer, ein sauberer, ehrlicher Schnaps, den ich noch nicht kannte.

Auf der Oranienburger Straße kriegen wir ein Taxi, das einzige weit und breit. Die Polizei hat uns mit ihren Absperrungen das Geschäft ganz schön versaut, sagt der Türke. Vor uns geht ein Jüngling mit dem Handy am Ohr bei Rot über die Straße; könnte fast unter dem Taxi liegen.

Denkt nur an sein Handy, sagt der Türke, sonst sieht er nichts. Gar nicht lange her, da stand ein Mädchen neben ihrem Freund, quatschte ins Handy und lief in einen Mercedes Sprínter hinein, den Bus. Flog fünf Meter durch die Luft. Ich dachte, sie ist tot, sagt der Türke, aber sie steht auf, greift sich das Handy, das die Hand kurz verlassen hatte (was sie sich wohl nicht verzieh), so, jetzt können wir los, sagt sie zu ihrem Freund und steigt ins Taxi des Türken, der seinen Augen nicht traut.

Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren, fragte er. Nein, nein, alles gut. Auch wenn Sie im Moment nichts spüren, Sie sollten sich durchchecken lassen, sagte der Türke. Ich habe nichts, ich fühle mich gut.

Der Sprinter wollte links abbiegen, sagt der Türke, dadurch hat er sie nicht voll erwischt. Das hat ihr das Leben gerettet. Schlimm ist das mit den Handys.

Sie sind sicher schon lange hier, sagen wir.

Dreißig Jahre. In der Türkei geboren, hier aufgewachsen, zweite Generation. Wir gehen nicht mehr zurück. Mein Sohn ist dritte Generation, und jetzt kommt schon die vierte. Die sind voll verwurzelt.

Aber wenn sie gute Fußballer sind, überlegen sie trotzdem, ob sie für Deutschland spielen oder für die Türkei.

Für Deutschland, sagt der Türke. Hier haben sie mehr Chancen, an den großen Turnieren teilzunehmen. Türkei qualifiziert sich höchstens alle zehn Jahre.

Özil, sagen wir.

Özil ist ein besonderer Fall, sagt der Türke. Der türkische Trainer wollte ihn nicht.

Zu sensibel?

Keiner weiß warum, sagt er.

Du lass dich nicht verbunkern in dieser verbunkerten Zeit. Hochbunker in Berlin Karlshorst

Du, lass dich nicht verbunkern, in dieser verbunkerten Zeit. Hochbunker in Berlin Karlshorst

Wir sind zu Hause. Die Kreuzung vor unserem Haus, die in den Silvesternächten als Hauptabschussrampe für den Hans im Glück genannten Nachbarn und seine Entourage dient, ist völlig unversehrt. Kein Schuss ist hier gefallen, keine Rakete gezündet worden. Wollen die uns foppen? Wir sind doch extra deshalb weggegangen.

Am nächsten Tag schraube ich den Briefkasten wieder an. Ist doch schön, einen unzerbeulten Kasten am Haus zu haben.

Wir fangen an, die Kalender auszutauschen und hören, wie Verheugen die Silvesternacht verbracht hat. Johnny Walker und André Heller waren bei ihm zu Gast. Er ging Johnny Walker auf den Grund, während Heller mit seinen Liedern ihm auf den Grund ging. Großartig, sagt Verheugen.

In der Wohnung unter ihm waren die Rettich-Töchter zu Besuch. Sie sind übergewichtig und haben doch alle drei einen Mann gefunden. Vielleicht kreischen und juchzen sie deshalb so laut. Bis zwei ging das. Grauenhaft. Zwischen großartig und grauenhaft verlief diese Nacht.

Hast du dir was vorgenommen für 2016?

Nee, hab ich nicht.

Ich habe mir vorgenommen, im neuen Jahr nicht weniger zu rauchen, sagt Verheugen. Zweitens, nicht weniger zu trinken. Drittens, nur gute Sachen zu trinken. Guter Entschluss, sage ich, sehr löblich. Viertens, nicht mehr so freundlich zu Menschen zu sein. Eigentlich hasse ich sie ja, bis auf die zehn Leute, die ich über alles liebe.

Wenn du die Menschen auch freundlich behandelst, sage ich, so bist du doch nicht wirklich freundlich zu ihnen; das kriegen die auch irgendwie mit. Also musst du dein Verhalten nicht ändern.

Ja ja, sagt er, du weißt es wieder besser. Warum rede ich immer wieder mit dir. Ich muss ein Masochist sein.

Ich mein es doch eigentlich gut.

In diesem Sinne. Ein schönes 2016 allen, die solche, andere oder gar keine Vorsätze haben für das neue Jahr.

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