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Friedhöfe an der Grenze

Kräne, wollt ihr ewig schuften

Kräne, wollt ihr ewig schuften

Wir trafen uns in der Linienstraße, überquerten die Torstraße in westlicher Richtung und befanden uns in einem Gebiet, Wöhlertstraße undsoweiter, das wir nie betreten hatten, Grenzgebiet früher. Da waren auch die Friedhöfe, die wir suchten, Domfriedhof I, Friedhof der Französisch-Reformatorischen Kirche, Alter Domfriedhof der St-Hedwig-Gemeinde, wir konnten sie nicht auseinanderhalten, ich schon mal gar nicht.

Der Tod verliert seinen Schrecken

Der Tod verliert seinen Schrecken

Es waren kleine Friedhöfe mit freien Flächen, sie suchen Tote, hörten wir, sie haben nicht genug Tote. Ob das wohl damit zusammenhing, dass es zum Teil katholische Friedhöfe waren, im protestantischen Berlin, ob es wohl damit zusammenhing, dass der Grenzstreifen nach dem 13. August 61 mitten durch die Friedhöfe ging und etliche Gräber aufgelöst wurden, ob es wohl damit zusammenhing, dass die Grabstätten nach der Vereinigung von Buntmetalldieben und anderen Schurken geplündert wurden – ja, sicher.

Neues Wohnen am alten Friedhof

Neues Wohnen am alten Friedhof

Die Friedhöfe waren von Mauern umgeben. Jenseits der Mauern war früher nichts, plötzlich stehen da kühle Wohnblöcke, aus denen willkürlich und demonstrativ Balkons herausragen. Merkwürdige Winkel, keine Symmetrien. Muss man sich erst dran gewöhnen. Oder auch nicht.

Von Mauern umgeben

Von Mauern umgeben

Der Tod verliert seinen traditionellen Schrecken, wenn man über Friedhöfe geht. Am totesten sind noch die früh verstorbenen Söhne, deren Mütter wöchentlich Zeichen ihrer Liebe hinterlassen. Am totesten ist der Engel mit dem zerbrochenen Flügel, mit der zerstörten Stirn, mit den Einschusslöchern im Leib. Wir hören, dass die Russen die Friedhöfe als strategische Punkte nutzten, um die Reichshauptstadt zu erobern, ja, auch zu befreien.

Theodor und Emilie

Theodor und Emilie

Wir stehen an Fontanes Grab und dem seiner Frau. Emilie. Es ist nicht authentisch. Wurde von Geschossen getroffen, die Knochen zusammengesammelt, welche auch immer, später neu angelegt. Aber wir sehen: Fontane ist nicht tot. Und schon gar nicht vergessen. Wir haben ihn gestern gelesen und werden ihn morgen noch mehr lesen.

Wo Fontane ist, ist auch das echte Berlin, ist Brandenburg. Wenn wir Identitätsprobleme haben sollten, können wir uns bei ihm orientieren.

Wer spricht noch von siegen

Wer spricht noch von siegen

Neben Fontane der Zeichner Arno Mohr, neben Mohr der Dramatiker, Dichter und Snob Peter Hacks. Und ihre Frauen. Ja, Hacks. Auch zu früh gestorben. Ihm hat die Geschichte, wie sie letztlich verlief, nicht gefallen, vielleicht sogar gegrämt. Umso spöttischer wurden seine Gedichte.

Strand von Berlin

Strand von Berlin

Wir sehen (oder könnten sehen) die Gräber mehrerer Erfinder von Kurzschriften, das Grab des Hotelgründers Adlon, des Brauereigründers Patzenhofer, der Zirkusreiterin Renz, der königlichen Mätresse Enke geadelte Lichtenau. Wir sehen, dass wir als Förderer ausgewählter Grabmale deren Instandsetzung finanzieren und uns später dort auch begraben lassen könnten. So weit wollen wir noch nicht gehen. Wir haben ein Geburtstagskind unter uns, das sich angesichts der friedhöflichen Ruhe in gehobener Stimmung befindet.

Wir verlassen die Schädelstätten in der Liesenstraße. Man kann hier ständig mit einem Bein im Westen und dem andern im Osten stehen. Die Westler, hören wir, fuhren mit der S-Bahn unter uns Ostlern hindurch. Im trüben Licht der Geisterbahnhöfe sahen sie die Grenzer wie Gespenster.

Liesenbrücke stillgelegt

Liesenbrücke stillgelegt

Die Gegend lebt. Die Kräne bauen weiter wie zum Selbstzweck ihre modernen Blocks. Das Kletterparadies Mount Mitte hält einen kurzen Winterschlaf, Beach Mitte, Europas größte innerstädtische Beachvolleyballanlage ebenso.

Der Busfahrer sitzt im leeren Bus und lädt uns ein, ein Stück mitzukommen, ausdrücklich, um etwas für den guten Ruf der Berliner Busfahrer zu tun, den es ja nicht gibt. Wir landen im Quadmous, dem Libanesen in der Straße am Friedrichshain, und sind begeistert wie jedesmal, wenn wir an dieser exotischen Küche teilhaben dürfen.

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