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Bellow und die dicke Frau

Nicht weit von Boston. Man kann vorbeifahren …

Nicht weit von Boston. Man kann vorbeifahren …

Janis Bellow (his fifth wife) erzählt, wie Saul Bellow im Mai 1988 anfing, „Die Bellarosa Connection” zu schreiben, das ist eine jener langen Erzählungen oder Novellen aus den späteren Jahren des Nobelpreisträgers. In jener Zeit drehten sich die Gespräche mit Freunden und Kollegen um das Schicksal der Juden im zwanzigsten Jahrhundert. Bellow fragte etwa: Sollten die Juden wegen des Holocaust Scham empfinden? Ist es besonders schmachvoll, Opfer geworden zu sein?

Man spürt schon, Bellow stellte die Fragen anders, ich würde sagen, amerikanisch. Weniger taktvoll oder zimperlich. In Bellarosa geht es um einen polnischen Juden, der – wie einige andere Schicksalsgefährten in der Nazizeit – durch Billy Rose, einen Amerikaner aus dem Showgeschäft, gerettet wird. Er kommt nach Amerika, es geht ihm gut, er ist erfolgreich, er möchte Billy Rose treffen, um ihm zu danken. Aber Billy Rose lehnt ab. Er möchte keine Begegnung. Wie kann das sein. Darum geht es. Harry Fonsteins Leben hat eine offene Flanke, so lange er seinen Retter nicht trifft. Warum kann ein Mann, der etwas Großartiges geleistet hat, einen Dank nicht annehmen? Warum kann er der ungewöhnlichen Tat nicht eine gewöhnliche folgen lassen, indem er dem Geretteten für einen Moment gegenübertritt? Bellow kann die Frage nur stellen, nicht beantworten, eine Erklärung hängt sicher mit den oben gestellten Problemen von Scham und Schmach zusammen, abgesehen von solchen nebulösen Statements wie: „Die Dankbarkeit eines Mannes ist Gift für seinen Wohltäter”.

Der namenlose Erzähler der Geschichte, ein Meister des Erinnerns, der Gedächtniskunst, lernt Harry Fonstein und seine Frau Sorella kennen, ist fasziniert von diesem Rettungsabenteuer und dem Aufstieg, aber nicht nur das, und hier wird der Text noch amerikanischer: Er kann die Augen nicht von Sorella lassen. Sorella managt ihren Mann, sie hat ihm einen hochbegabten Sohn geboren, aber das ist es nicht, was Erzähler und Autor interessiert. „Sie war sehr dick und trug Make up”. Bellow kommt an dieser Frau, seiner Schöpfung, nicht vorbei, ohne ihr Volumen zu thematisieren. Zunächst kann er sich nicht vorstellen, wie sich Fonstein, auch wenn er einen orthopädischen Schuh tragen muss, also ebenfalls nicht ohne Makel ist, in Sorella verlieben konnte. „Er warf mir einen durchdringenden jüdischen Blick zu, als ich von Liebe sprach. Wie unterscheidet man zwischen Liebe, Bedürfnis und Lebensklugheit?” Dem Erzähler fallen Gesten auf, „die nur eine Zweihundert-Pfund-Frau zustande bringt, weil ihre Eleganz auf dem wahnsinnigen Überfluss ihres Hinterns ruht”. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Wahrnehmung eines Phänomens, erzählerisch um den Einbau eines running gag, die Beobachtungen und Schlussfolgerungen werden diffiziler und phantasievoller, wohl auch verstiegener. „Nie verlor ich Fonsteins Geschichte aus dem Auge oder was es bedeutete, Überlebender einer solchen Vernichtung zu sein. Vielleicht versuchte Sorella, einen Teil von dem, was er verloren hatte – Mitglieder seiner Familie etwa – , in Form von Fettgewebe zu verkörpern.” Ist das zynisch? Es ist wohl nur verrückt. Nie versagt der Erzähler Sorella seinen Respekt. Was sie tut, hat Format und geschieht mit Stil. Er schätzt sie und ihren Mann, aber er braucht dreißig Jahre, um sie wiedersehen zu wollen, dreißig Jahre, um festzustellen, dass sie seinem alten Leben noch einmal einen Sinn geben können. Er setzt sich auf ihre Spur und erfährt, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Er hat von seiner Erinnerung an diese Leute gelebt, das war nicht genug. Von ihrer Realität, von ihrer Nähe hätte er mehr gehabt.

 

  1. Wilfried
    Dezember 15, 2015 um 9:49 am

    Sehr gut Fritz, Gefällt mir, Essay sehr schön verdichtet.

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