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Das sollen Nihilisten sein

Bellows deutscher Verlag ist natürlich Kiepenheuer & Witsch

Bellows deutscher Verlag ist natürlich Kiepenheuer & Witsch

Als er den Nobelpreis bekam, war Saul Bellow 61. Der Preis blockierte ihn nicht wie manchen anderen. Er schrieb noch „Der Dezember des Dekans”, „Mehr noch sterben an gebrochenem Herzen” und zuletzt „Ravelstein”. Dazwischen eine Reihe von Kurzromanen oder Novellen, ich denke vier, immer so um die hundert Seiten. Der alte Mann, der, was ich mit Erstaunen zur Kenntnis nahm, fünf Mal verheiratet war, wusste, wozu die Kraft (und die Lust) noch reichte. In diesen seinen späten Jahren trug er bevorzugt einen eingedrückten Hut: der Intellektuelle, dem das Spielerische seiner Existenz wichtig ist. Am schönsten von diesen Kurzromanen war für mich „Damit du dich an mich erinnerst” („Something to Remember Me by”), „Chicago … mit grauem Eis gepanzert, der Himmel niedrig, die Straßen unwegsam”. Eine Pubertätsgeschichte von Begierde und Tod, aus der Sicht des alten Mannes erzählt.

Jetzt erst fiel mir die Novelle „Die einzig Wahre” (The Actual) von 1997 in die Hände. Damals interessierte sich Bellow für die Reichen und Superreichen. Wie normal können sie noch sein, wieviel Freiheit zum gewöhnlichen Leben lassen ihnen die Millionen oder Milliarden. Wie gehen sie mit den weniger reichen, weniger Erfolgreichen um.

Die Ehe ist für den Mann, der fünf Mal verheiratet war, auch ein ewiges Thema. Was geht da schief, was funktioniert, und die einzig Wahre, auf die sich der Titel bezieht, Amy Wustrin, ist eben die Frau, die der Ich-Erzähler Harry Trellman, Kunsthändler, ein Leben lang geliebt hat. Die erste Liebe „befällt dich mit siebzehn und wie Kinderlähmung kann sie dich, wiewohl sie im Herzen und nicht im Rückenmark wirkt, zum Krüppel machen.”

Erst spät, als sie vielleicht noch zehn gute Jahre vor sich haben könnten, offenbart sich Trellman und macht Amy einen Antrag. Auf dem Friedhof, der einzig wahren Kulisse für eine unerfüllte Liebe.

Es gibt immer noch einen Trost. Es gibt immer noch Schönheit. Bellow beschreibt eine Frau, und es entsteht immer ein Bellow-Bild. Auch wenn sie schön ist und begehrt wird, ist sie doch eher durch einen Makel interessant. „Die dazwischenliegenden Jahre mit ihren Krisen, Kriegen und Präsidentschaftswahlkämpfen … haben nicht die Macht gehabt, Amys Aussehen zu verändern, die Größe ihrer Augen und die Winzigkeit ihrer Zähne. Das ist die Macht des Eros.”

Am Ende dieser amerikanischen Jahre scheint es der Begriff des Nihilismus zu Ruhm gebracht zu haben und zu Irritationen, jedenfalls sieht Bellow das so, wenn er Jay Wustrin, den Ex von Amy, sagen lässt: „Sie fackelt nicht lange – sie ist eine echte Nihilistin. Das gibt sie selbst zu.” Merkwürdige Vorstellung von Nihilismus. Problemfrauen oder eben „Nihilistinnen” trugen eine Erregung in Jays Büro, die ihm wichtiger war als das Honorar. Solche Burschen scheitern dann eben. Männer, die Nihilismus als sexy empfinden und glauben, „ dass wahre Erotik sich immer über Tabus hinwegsetzt. … Sehr sinnliche Männer sind ja oft dumm, und gemeinsame Dummheit ist eine bedeutende Kraft, wenn sie in der Sprache der Unabhängigkeit oder Befreiung ausgedrückt wird. Die Wirkung solcher Männer dringt direkt in die Gefühlsschichten einer Frau, die unter der Klugheit liegen.”

Richtig. Stichhaltig ist das alles nicht, aber amüsant und anregend. So schrieb eben der Mann, der sich diesen seltsam eingedrückten Hut aufsetzte. Er wollte seine Ideen auf die Probe stellen, in diesen späten Novellen von Millionären, Nihilisten, Dekadenten und Menschen, die von ihrer Liebe förmlich gelähmt sind.

„Eine Wolke, groß wie England, war soeben über die Sonne gezogen.”

  1. Wilfried
    Dezember 5, 2015 um 5:34 pm

    Lieber Fritz, zurück aus Kuba lese ich mit Vergnügen wieder deine Kurzgeschichten. Und diese hat mein Interesse an dem Schriftsteller sofort geweckt. Danke, laßt es euch /dir gut gehen zu den Weihnachtstagen!

  2. Dezember 5, 2015 um 5:37 pm

    Dann solltest Du schnell anfangen, seine Bücher zu lesen!

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