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Wo sind all die Leute hin

Gebannt von der Höhe © alle Fotos: Wolf Jobst Siedler jun.

Von der Höhe gebannt
© alle Fotos: Wolf Jobst Siedler jun.

 

 

Man hat sich oft gewundert, dass Siedler jun. immer die Kamera umhängen hatte, dass man ihn aber nie fotografieren sah. War die Kamera nur ein modisches Accessoire, etwa wie die Sonnenbrille, die gewöhnliche Leute in den Haaren tragen?

Nun, es gab unerwartet eine Einladung zu Siedlers Fotoausstellung, Berlin, Fotografien 2010 – 2015, er muss also doch ab und zu auf den Auslöser gedrückt haben, die Spannung war groß, welche Bilder macht ein Fotograf, den man nie fotografieren sieht.

Der Auftakt war schon mal vielversprechend. Mit dem Schienenersatzbus im Berufsverkehr durch Neukölln. Junge Türken, die sprechen wie junge Türken im Fernsehen. Strecken, die nie zu enden scheinen. Die U-Bahn, Station auf Station. Die Frau, die liest, die Frau, die telefoniert, die Frau, die mit ihrem Koffer ein ganzes Abteil einnimmt.

Ich bin da. Im Lokal gegenüber lasse ich mir einen Puerto Rico-Burger zum Mitnehmen machen. Ein klar gegliedertes, blitzsauberes Latino-Restaurant. Eine junge Frau hinterm Tresen, ein älterer Farbiger auf dem Barhocker, sie reden spanisch miteinander und haben viel zu lachen. Ab und zu tanzt die Frau zu der Musik, die aus einem kleinen DVD-Player kommt. Der Kellner, auch ein Farbiger, der Koch, ein dünner Latino. Eine angenehme Leere, eine angenehme Müdigkeit, ein eigentlich inhaltloser Moment in einer der Metropolen der Welt, könnte auch New York sein oder Lima. Eine perfekte Einstimmung auf die Ausstellung, wie ich gleich sehe.

Siedler jun. inmitten seiner Bilder © Corinna Fricke

Siedler jun. inmitten seiner Bilder
© Corinna Fricke

Der Fotograf sitzt an einem langen Tisch inmitten seiner Freunde. Sie essen minder begeistert Sushi und trinken Weißwein.

Siedlers Fotos sehen auf sie herab. Ich denke im ersten Augenblick, das sind doch keine Fotografien, das sind Gemälde! Sind aber doch Fotos. Die hast du doch stark am Computer bearbeitet oder? Eigentlich kaum, sagt Wolf Jobst Siedler jun. Die Bilder sind von einer großen Ausschließlichkeit, puristisch, rein. Strukturen, Flächen, Farben, Winkel, Kurven. Lichteinfall und Schattenfelder. Die Farben oft von einer Eindeutigkeit wie im Bilderbuch. Elemente der Stadtmöblierung wie Straßenlaternen, Verkehrsschilder, Papierkörbe. Es ist so leer in Berlin, es ist so leer.

Wo sind all die Leute hin.

Festgefahren am Potsdamer Platz

Festgefahren am Potsdamer Platz

Jetzt kann ich mir den Siedler mit der Kamera, die nichts tut, erklären. Wenn wir uns sehen, hat er das Terrain schon längst gecheckt und sich entschieden, nicht auf den Auslöser zu drücken oder erst später. Er wartet, bis die Räume verlassen sind. Wenn sie voll zur Wirkung kommen. Beton ohne Leben. Oder ist Beton doch auch Leben? „Straßen und Plätze als skurriles Bühnenbild und als Kulisse für den Auftritt von Passanten nutzen, die sich in ihrer mitunter grotesken architektonischen Umgebung eigenartig vereinzelt und verloren ausnehmen”, sagt Siedler dazu. Die wenigen Menschen werden auch zu Stein. Menschen wie bei Edward Hopper. Der Radfahrer, der über den nächtlichen Potsdamer Platz fährt – er kommt nicht voran. Das Paar, das auf die Dächer blickt – er wird auch morgen noch hier stehen. Die Ewigkeit hat Einzug gehalten. Man mag es nicht Häuser nennen, was ihn interessiert, es sind Gebäude, Blocks, Bauten. Sie scheinen zu sagen: Warum lassen uns die Leute nicht in Ruhe. Ja, auf den Bildern ist festgefügte Ruhe. Der so kostbare wie erschreckende Moment der Stille. Das Gleichgewicht der Welt (das sie nicht mehr hat). Von der Künstlichkeit der Welt. Oder von der Kälte der Welt. Verlorenheit als hoher Wert. Das aseptische Berlin. Selbst Keime scheint es an diesen Orten nicht zu geben. Elegien in silbergrau. Die Moderne wirbt für sich. Mit zweifelhaftem Erfolg.

Da scheint sich etwas verselbständigt zu haben. Die Gebäude dienen nicht mehr den Menschen, sondern sich selbst. Vielleicht ist das auch gut so, wie in Berlin das eher Negative ja oft „gut so” ist. Was stört uns noch, wenn alle Störfaktoren ausgeschlossen sind. Bilder, die von selbst entstanden sind, nun brauchen sie noch den Fotografen, der sie entdeckt. Das ist Siedler jun. Der Lektor und Verleger, den es ab und zu danach verlangte, den Schreibtisch zu verlassen, um „die Welt da draußen in Augenschein zu nehmen” und für sich festzuhalten. Der schon als Junge die Architekturgespräche im Hause Siedler verfolgte. Was an ihm immer auffällt, ist sein Talent, etwas zu entdecken, das ihn begeistern kann. Über anderes sieht er liebend gern hinweg. Er sieht jetzt auch liebend gern über die Arbeit des Verlegers hinweg. Er ist jetzt Fotograf. Ein Fotograf, den man nicht fotografieren sieht. Einer, der sich freuen würde, wenn er ein paar seiner Bilder öfter an die Wand hängen könnte. Das Wichtigste sind ihm, die „unendliche Vielfalt der Perspektiven, … die meditative Versenkung in den Augenblick, die ihm das Flanieren mit der Kamera beschert”.

Egon Friedell. In seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit” sagt er: „Auch das Objektiv ist nicht objektiv. Es ist nämlich eine unerklärliche wie unleugbare Tatsache, dass jeder Photograph, ganz wie der Maler, immer nur sich selbst abbildet.”

Die Moderne wirbt für sich

Die Moderne wirbt für sich

Der Fotograf betrachtet seine Bilder und erkennt sich – Stück für Stück – selbst. Ist es so? Will ich diese Welt? Oder das Gegenbild dieser Welt?

Atelier Kirchner, Grunewaldstraße 15, Erster Hinterhof, Seitenflügel links, bis 8. November, Mo – Fr. 16 – 18 Uhr

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