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Wieder mal St. Pauli in der Alten Försterei

Nach dem Spiel: Erleichterung

Nach dem Spiel: Erleichterung

Thiel macht heut den Doppelpack, sagt ein Unioner in der S-Bahn.

Schön, dass er wieder dabei ist, sagt sein Kumpel.

Guter Mann, ergänzt der Unioner. Höchstes Lob.

Die Schlange vorm Einlass ist lang und kompakt. So schlimm war’s noch nie, sagt unser Boss, wieso eigentlich, ausverkauft ist doch sowieso immer. Was soll denn heute anders sein! Vorne zeigt sich, dass die Ordner heute nicht nur Ordner sein wollen, sondern auch Entertainer und immer mal wieder Pause einlegen bei der Kontrolle der Karten, um mit Kindern zu scherzen oder ihren Kollegen Anweisungen zu geben.

Wir haben kaum einen Platz gefunden im Gedränge auf der Tribüne, da geht’s schon los. Union Berlin gegen St. Pauli, das heißt elf Fußballgötter gegen elf Na-und-Fußballer. Unser alter Freund Ewald Lienen hat St. Pauli gut eingestellt. Die Jungs sind bissig vor dem Tor. Und bei Union ist die Handschrift des neuen Trainers schon wieder verblasst. Im Abwehrzentrum herrscht öfter mal Konfusion. So fällt das 1:0 für St. Pauli zwangsläufig. Die Union-Fans singen und singen, aber es hilft erst kurz vor der Pause. Zwei Glückstore, die Bälle rutschen einfach so durch. 2:1 (Thiel!) für die Union. Ich kriege einen mächtigen Hieb auf den Schädel von dem feisten Premiumfan hinter mir, es ist keine böse Absicht, einfach die Tolpatschigkeit der Besserverdienenden.

Nach dem Ausgleich wird nicht mehr angepfiffen

Nach dem Ausgleich wird nicht mehr angepfiffen

Nach der Pause wollen die Unioner die Führung mit verstärkter Deckung gemütlich nach Hause schaukeln, aber es kommt wieder zu Irritationen in der Innenverteidigung, St. Pauli gleicht aus und macht auch noch das 3:2. Es ist ein Jammer, nun über zwanzig Minuten die hoffnungslosen Sänger mit ihren kopflastigen B-Songs anhören zu müssen; da steckt keine Power mehr drin, während die Spieler noch mal alles versuchen; aus Krampf wird Kampf und Rausch. Wie kann der den halten, sagt der Premiumfan hinter mir, und noch mal: Wie kann der halten, wie ist das möglich! Zweimal fliegt St. Paulis Torwart Himmelmann durch die Luft und hält todsichere Schüsse. Er hat seinen Namen nichts umsonst. Verhindert den in der S-Bahn vorhergesagten Doppelpack Thiels. In der Nachspielzeit der Nachspielzeit der Nachspielzeit drückt Fußballgott Kessel den Ball doch noch den Ball über die Linie. 3:3. Ich bringe meinen Schädel in Sicherheit. Ewald Lienen zerreißt sich fast wie Rumpelstilzchen, um dann sportlich fair den Fußballgöttern von Union die Hand zu drücken. Ein Unentschieden, das sich für Union wie ein Sieg anfühlt. „Eine Werbung für den Fußball” – wohlgenährte Premiumfans müssen so reden. Das Spiel hat an den Nerven gezehrt. Oder gezerrt. Hoffnungslos Betrunkene taumeln durchs Uniongelände. Ihre Freunde stützen sie. Ansonsten allgemeine Erleichterung. Wir finden uns im kleinen Kreis zusammen. Ick denke, dass Union dieses Jahr eher gegen den Abstieg spielt als um den Aufstieg, sagt Gunnar. Man nickt und geht zur FIFA über. Warum klären die USA den Skandal auf, warum ausgerechnet die? Weil sie es nicht ertragen, dass sie in der Weltsportart Nr. 1 nie einen Blumentopf gewinnen werden? Diese Verschwörungstheorie liegt für die einen auf der Hand, für die anderen geht sie zu weit. Ich kenne keine belastbaren Fakten. Die kennen wir auch nicht, aber es geht doch immer um Interessenlagen.

  1. März 3, 2016 um 3:15 pm

    Sehr geehrter, lieber Herr Kopka,
    aus alten Unterlagen ist mir gestern ein „Sonntag“-Artikel (41/1988) in die Hände gefallen, in dem Sie geradezu liebevoll über mich (damals am Eisenacher Theater) geschrieben haben. Inzwischen kann ich mir (als Rentner) freischaffendes Schriftstellern leisten und habe soeben einen Essay über Fußball fertig geschrieben. Den würde ich Ihnen, wenn sie es annehmen, gern als ein (zugegeben sehr verspätetes Dankeschön) auf dem Postweg schicken. Ich bin sehr neugierig, ob ein Kontakt auf diesem Weg gelingt und
    grüße Sie freundlichst
    Peter Madei

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