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Der Sohn des Analphabeten

Lost in New York © Fritz-Jochen Kopka

Lost in New York
© Fritz-Jochen Kopka

Am Sonnabend vor 100 Jahren wurde Arthur Miller geboren. Der Verlag (S. Fischer) gab zu diesem Anlass einen Band mit Erzählungen heraus und noch mal den Roman „Fokus”. Aber im speziellen war Arthur Miller natürlich Dramatiker, einer der größten des 20. Jahrhunderts. „Tod eines Handlungsreisenden” spielen sie immer mal wieder im TV mit einem überperfekten Dustin Hoffman. Der spielt den gescheiterten Vertreter Willy Loman so bedrängend, dass man es kaum aushalten kann. Diese verdammten Lebenslügen. Arthur Miller hat die weitgreifende, unkonventionelle Autobiographie „Zeitkurven” geschrieben, und er war mit Marilyn Monroe verheiratet. Eine gewisse Zeit funktionierte das, und dann eben nicht mehr.

Besonders gut erinnerlich ist mir, wie Arthur Miller über seine Jugend schreibt. Er ist aus einer polnischen Einwandererfamilie hervorgegangen. Sein Vater wurde als Kind von sechs Jahren mit einem Schild um den Hals mutterseelenallein über den Ozean geschickt. In New York wurde er bald an die Nähmaschine gesetzt. Nicht viel später begann er, ein Textilunternehmen aufzubauen. Er hatte niemals die Zeit, lesen und schreiben zu lernen, und blieb sein Leben lang Analphabet. Arthur, der Sohn, ein Mann der Schrift, sieht darin durchaus Vorteile. Sein Vater sparte sich das Zeitunglesen, er war immer darauf verwiesen, sich für alles kurz und entschlossen seine eigenen Urteile zu bilden, ein unabhängiger Kopf zu sein.

Arthur Miller war der Dunkle in einer hellen Familie; er wusste nicht, wie er in diese hellhäutige, hellhaarige, blauäugige Schar hineingeraten war, fand sich hässlich mit den großen Segelohren und musste sich zu jeder Begrüßung immer wieder denselben blöden Witz seines Onkels Moe anhören: „Vorsicht, ein Tunnel! Zieh die Ohren ein!”

Er liebte es, andere Leute nachzuahmen. Zum Beispiel eine Brille zu tragen wie Miss Summers, die Lehrerin, das Taschentuch aus der Gesäßtasche heraushängen zu lassen wie der Vater, beim Sitzen in Schräglage zu gehen, um zu furzen wie viele Männer. Nachts geisterte er im Tiefschlaf durch die Wohnung. In der Schule benahm er sich flegelhaft, ohne zu wissen warum. Die Schuldirektorin wusste sich nicht anders zu helfen und wandte sich an die Mutter.

„Ich verstehe nicht, Augusta, dass eine so gute Schülerin wie Sie ihn so schlecht erzogen haben kann.” Auf der Straße schlug die Mutter ihm die Handtasche über den Kopf und schrie ihm ins Gesicht: „Was tust du mir an!… Hör zu… Ich will, dass du dich benimmst.”

So ganz hat Arthur Miller das nie hinbekommen. Sonst wäre er nicht dieser Schriftsteller geworden.

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