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Sie wollen nur singen

Elfmeter! Trimmel schießt. Ratajczak hält. Es wird noch mal spannend. © Fritz-Jochen Kopka

Elfmeter! Trimmel schießt. Ratajczak hält. Es wird noch mal spannend.
© Fritz-Jochen Kopka

Sonnabend zwölf Uhr Mittag. Unter all den rotweißen Unionfans steht ein Mädchen in der S-Bahn und studiert einen Klavierauszug. Nichts kann sie bewegen, die Augen vom Blatt zu wenden. Ist denn Union Berlin so unwichtig? Der Fußballnomade ist wieder unter uns. Er hat es wahrscheinlich im Blut, dass Jablonec, die Mannschaft seines Herzens, an diesem Wochenende verlieren wird, und das auch noch zu Hause. Und ja, so unfassbar es scheinen mag, im Köpenicker Bahnhofsgebäude versorgt er sich mit Kaffee und Kuchen. Unser Boss nimmt per Smartphone Kontakt auf zu Lutz, seiner rechten Hand. Lutz ist schon im Stadion und hält Plätze frei, so sehr das eben geht im Gedränge, 12. Reihe, zehn Meter von der Mittellinie entfernt, zur Wuhleseite hin. Kurz vor den Eingängen bittet der Fußballnomade um einen kurzen Aufenthalt. Er möchte seine Apfeltasche und den Kaffee nicht im Laufen verzehren, ein Elektrokasten dient ihm als Tisch; so geht Fußball für Genussmenschen.

Wir unterqueren die Absperrungen und landen in der 12. Reihe neben Sportfreund Lutz und seinem Sportfreund Frank, beide im Nebenberuf seltsamerweise Hansa-Rostock-Fans mit entsprechenden Lach- und Sorgenfalten.

Auch hier zwei Teams mit Problemen. Union hat frühzeitig den Trainer entlassen, um den Erfolgscoach Sascha Lewandowski zu verpflichten. Und Aufsteiger Duisburg steht schon wieder auf dem letzten Tabellenplatz; hat aber durchaus Qualität, wie Lewandowski sagt.

Erleichterung. Am Ende steht das 3:2

Erleichterung. Am Ende steht das 3:2

Ich glaube, die Handschrift des neuen, des Erfolgstrainers durchaus erkennen zu können. Kein Wunder, Union geht nach vier Minuten in Führung. Die Stürmer behaupten die Bälle in der torgefährlichen Zone besser als früher, die Aktionen sind klarer und einfallsreicher. Union führt bei Halbzeit 3:0, aber sie haben schon einige Spiele noch aus der Hand gegeben, die sie dominierten, und nicht viel anders ist es auch hier, Duisburg macht das 1:3. Union kann einen Elfer nicht verwandeln, Duisburg macht das 2:3, und Union ist wieder in Not. Bringt den Sieg aber nach Hause. Am Ende kann man sagen, dass Union seine Chancen in der ersten Halbzeit reingemacht hat, Duisburg die seinen in der zweiten. So steht das 3:2.

Der Fan hinter mir singt von der ersten bis letzten Minute, von der Halbzeitpause abgesehen. Er singt die geläufigen Union-Songs, aber auch  jene, die sich (zum Glück) nicht durchgesetzt haben, Lieder ohne Melodie, aber mit Botschaft: „In unserm Stadion, in der Hauptstadt, in der wunderschönen immergrünen Alten Försterei, ja da spielt der FC Union und der schießt ein Tor für uns” oder noch schöner: „Fußballclub Union Berlin, mein Lebenselixier, ewig werden wir dich begleiten und stehen hinter dir …”

Der Junge war offensichtlich nicht gekommen, um Fußball zu sehen, sondern um zu singen. Mein Lebenselixier. Hat so ein Wort im Fußball was zu suchen?

Harndrang bei Herren und Damen

Harndrang bei Herren und Damen

Der Schlusspfiff war kaum ertönt, da verabschiedete sich der Fußballnomade, wahrscheinlich zu einem anderen Spiel in einer anderen Stadt in einem anderen Land. Er verpasste die schönen Momente nach dem Match. Die Verrichtung der Notdurft, das Nachlassen der Anspannung, die Auswertung des Spiels, die Bratwurst, das Bier, die Ergebnisse von anderen Plätzen und Ligen. Hansa Rostock hatte in Wiesbaden ein 0:0 erreicht, und der Schiedsrichter hatte schon die Prämissen für das Ostderby gegen Dynamo Dresden gesetzt, indem er mit gelben, rotgelben und roten Karten drei Hansa-Kicker aus dem Spiel genommen hat. Die sind jetzt gesperrt. Das ist uns armen Hansa-Rostock-Schweinen gut vertraut. Auf dem Weg zur Bahn machen wir an der Union-Tanke und dann noch mal am „Hauptmann von Köpenick” halt. Die Vereinstreue und das Bier löschen alles aus. Es bleibt kein bitterer Rest.

 

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