Startseite > Berlin, Movie Star > Ewiger Winter

Ewiger Winter

Auf die Leitern, ihr Gärtner, der Baum wird entlaubt Fotos © Doberenz, Kopka

Auf die Leitern, ihr Gärtner, der Baum wird entlaubt
Fotos © Doberenz, Kopka

Der Film war bei uns in der Straße. Er suchte sich das Haus unseres Nachbarn, genannt der Förster, aus. Hier wollte er drehen, das Haus des Försters sollte das Haus des Vaters des Filmhelden sein. Ein alter Mann in einem Haus am Rand eines Wäldchens und einer Kleingartenanlage mit einem spitzen Dach und einer aus der Zeit gefallenen Anmutung.

Der Studiomeister verliert die Ruhe nicht

Der Studiomeister verliert die Ruhe nicht

Wir wussten davon schon lange und hatten es längst vergessen, als der Film dann tatsächlich kam und auch an unserer Tür klingelte. Die Szenen, die hier zu drehen waren, spielen im Winter, etwa zu Weihnachten, also war nicht nur die Inneneinrichtung des Försterhauses auf die Zwecke des Films zuzuschneiden, sondern auch das Umfeld des Hauses. Es musste auf Winter getrimmt werden, Weihnachtsdeko an den Mauern, künstlicher Schnee. Künstlicher Schnee in meinem Garten, das lehne ich ab, sagte Andrea, aber die Leute vom Film waren gut organisiert, sehr höflich und nachgerade charmant, so dass es eben so kam, dass die Ablehnung mehr oder minder durchrutschte und sie dem Piraten (so sah er jedenfalls aus), der den Schnee machte, nicht in den Arm fallen konnte. Aber das war später. Zunächst kam der Studiomeister und baute im Vorgarten des Försters eine neue Küche. Ein Mann mit edler Ausstrahlung. Ich habe mal nachgezählt, in meinem Job treffen sich vierzehn Berufe, sagte er. Zwei bis drei Landschaftsgärtner stellten sich auf Leitern und entlaubten in einer so kleinteiligen wie sorgfältigen Aktion die Bäume, die eine Chance hatten, ins Bild zu kommen. Die Regisseurin war weitgehend unsichtbar, ist ansonsten Australierin und beschäftigt in ihrem Stab einige Landsleute. Sie sind ja alle Nachfahren von Sträflingen und Prostituierten, und so verhalten sie sich auch, sagten die Leute vom Film, ich weiß, dass man beim Film in dieser Art zu scherzen pflegt. Eine Menge Vorarbeiten war zu leisten, und nun, da es soweit ist, im Präsens weiter.

… und drehten wohl die halbe Nacht

… und drehten wohl die halbe Nacht

Das Drehen beginnt. Große Nutzfahrzeuge, geliehen von Buchbinder und Hertz, verstopfen die Straße; eine Unmenge Gerätschaften unklarer Bestimmung wird ausgeladen. Die Filmleute kommen mit einem Minimum an Sprache aus, es sei denn, sie sprechen ins Smartphone, was allerdings unentwegt der Fall ist. Geschrien wird schon mal gar nicht, von Hektik keine Spur. Es scheint, dass die Abwesenden wichtiger sind als die Anwesenden unter dem Motto: Der müsste doch längst hier sein, verdammt. Die Anwesenden verständigen sich mit Blicken und Handzeichen, Missverständnisse sind ausgeschlossen. Manche Mitarbeiter haben ihre Hunde mitgebracht.

Film im digitalen Zeitalter

Film im digitalen Zeitalter

Vor dem Haus des Försters wird aus Gestellen und schwarzen Tüchern ein Vorraum geschaffen. Wir wissen nicht warum, die Filmleute vielleicht auch nicht. Kommunikationsfreudige Ortsansässige haben sich Gesprächspartner vom Film geangelt und erzählen in eindrucksvoller Körpersprache Schwänke aus ihrem Leben. Vielleicht können sie noch eine Rolle ergattern in diesem Film, der „Berlin Syndrome” heißt, sie sind doch Berliner, na ja, wenn man’s genau nimmt, eher Sachsen.

Geheimnisvoller Schwarzraum vorm Haus

Geheimnisvoller Schwarzraum vorm Haus

Ein Zelt, ein Tisch wird aufgestellt, Catering. Eine hohe Frauenstimme gibt in monotonem Sound Erklärungen und Anweisungen. Der Stab, eine erhebliche Menge Mensch, drängt sich an der Gartenpforte und am Hauseingang. Einige Männer sehen australisch aus mit lockigen Haaren und Vollbärten. Alles sieht so ungesteuert, ziellos und unkoordiniert aus wie das Geschehen in einem Ameisenhaufen; aber wir wissen, dass die Organisation der Ameisen beispielhaft ist. Stühle werden aufgestellt, Laptops aufgeklappt. Ein Schokoladenjunge verteilt Konfekt zur Ermunterung. Jeder weiß, was er zu tun hat. Jeder weiß auch, was er nicht zu tun hat. Dann raucht er eben oder telefoniert, setzt sich auf einen Stein oder streichelt einen Hund.

Der Förster ist ausquartiert worden, er übernachtet in einem veganen Hotel. Jetzt schaut er den Dreharbeiten zu. Er wirkt erschöpft. Sein Haus hat sich ihm entfremdet. Wer weiß schon, worauf er sich einlässt, wenn er sich auf etwas einlässt.

Sie sagte, es werde Winter, und es ward Winter

Sie sagte, es werde Winter, und es ward Winter

Die Filmleute arbeiten bis weit nach Einbruch der Dunkelheit. Ein alter, kantiger Audi fährt vor. Fährt immer wieder vor. Wird wieder und wieder gedreht. Am zweiten Drehtag bricht der Winter aus. Der Pirat spritzt den Schnee mit einem dicken Schlauch auf Bäume, Straße und Steige. Die Weihnachtsdeko erstrahlt im September. Für ein Rehlein aus Leuchtschnüren wird noch der geeignete Platz gesucht. Ein Rettungswagen fährt vor. Die Rettungssanitäter haben die satte Mallorcabräune. Sie schleppen eine abgedeckte Trage zum Wagen, denn der Vater des Helden ist krank. Ist krank? Ist tot! Verstorben. Muss denn das sein! Ja, muss sein. Steht im Drehbuch.

Am Tag danach und am Tag nach dem Tag danach und auch noch an dem Tag nach dem Tag danach und danach wird aufgeräumt. Der künstliche Schnee lässt sich nicht beseitigen, wir haben hier jetzt immer Winter, aber der Förster darf wieder in seinem Haus wohnen. Alles ist gut.

  1. Wolf,W
    September 22, 2015 um 6:44 pm

    Hallo Fritz, ich lese gerne und neuerdings regelmäßig Deine Tagebuchgeschichten. Es gefällt mir sehr, wie Du es fertig bringst, interessante Ereignisse aus dem Berliner Milieau aufzuspüren und locker humoristisch dem interessierten Leser servierst. Weiter so und viel Erfolg wünscht Dir W.W

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: