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Die Tuschkastensiedlung

Hier ging der Maler mit dem Architekten durch Fotos © Doberenz, Kopka

Hier ging der Maler mit dem Architekten durch
Fotos © Doberenz, Kopka

Das Denkmal war offen, ist ja klar am Tag des offenen Denkmals, den wir früher unterschätzt hatten, heute nicht mehr. Mit der Tram bis Schöneweide. Ach ja, wenn man durch Schöneweide fährt, kann man gleich wieder über das Paradies Deutschland philosophieren. Oder lieber nicht. Eine Frau wischt sich den Schweiß mit dem Pullover aus dem Gesicht. Auf dem Bahnhof wird seit Jahren gebaut, aber immer nur ein bisschen, damit es auch schön lange dauert. Mit der S-Bahn nach Grünau. Kinder liegen im Dreck und spielen so schön. Die Eltern sind desinteressiert. In Grünau halten junge Bettler dir ihren Plastikbecher unter die Nase, als ginge es um eine Pflichtabgabe. Du kommst kaum über die Straße, der Strom der Autos reißt nicht ab. Da wohnen die Leute nun in einer grünen Gegend, aber was haben sie davon, wenn die Motoren aufheulen.

Die freche gelbe Tür im blauen Haus

Die freche gelbe Tür im blauen Haus

Das offene Denkmal unserer Wahl ist die Gartenstadt Falkenberg in Alt Glienicke, die auch die Tuschkastensiedlung genannt wird, und so findet da zeitgleich das Tuschkastenfest für Kinder mit gewöhnlicher Musik statt. An den Infotafeln haben sich kulturinteressierte Witwen und Rentnerehepaare versammelt. Kahle Senioren liefern Proben ihrer Allgemeinbildung ab. Weiß der Teufel, warum das immer so monoton klingt.

In Sachen Wohnen ist jeder Experte

In Sachen Wohnen ist jeder Experte

Kurz vor Beginn der Führung stellen sich noch Frauen und Männer in leichten Architektenmänteln und junge Familien ein, die am Wochenende halt einfach länger schlafen. Ein Mann von der Wohnungsgenossenschaft und Herr Jaschke aus der Baubranche ergreifen das Wort, und sofort wird es interessant. Die Gartenstadt Falkenberg war das Gegenprogramm zur Mietskasernenstadt Berlin, das Antinom zu Monotonie, drängender Enge und galoppierendem Elend. Sie wurde 1913 – 1914 nach den Entwürfen von Bruno Taut gebaut, der zu jener Zeit noch immer nicht genau wusste, ob er Maler oder Architekt bleiben oder werden sollte.

Nichts gegen Schwarz

Nichts gegen Schwarz

Der ungewohnte Einsatz leuchtender Farben forderte Begeisterung und Proteste heraus. Es ist ein Glück, dass wir es bei der Siedlung Gartenstadt noch immer mit dem Eigentümer der erste Stunde zu tun haben, der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG., merkt Jaschke an. Der Mann beherrscht den Stoff, um den es hier geht, souverän, er ist auch ein Meister der feinen Ironie. Keiner hat damit gerechnet, dass die Siedlung Gartenstadt ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen würde, der Senat hat den Antrag nicht mal viertelherzig begleitet, um sich dann mit dem Erfolg in die erste Reihe zu stellen; geschenkt. Es ging einst auf der 70 ha großen Fläche um die hohe Bedeutung der Siedlungsfreiräume, um eine funktionale architektonische Formensprache, um versetzte Häuserreihen in Nord-Süd-Richtung, moderne Wohnungsgrundrisse, offene Bauweise und Farbigkeit, die ein Gefühl der Lebensfreude anregen sollten. Bis 2002 wurde die Siedlung denkmalgerecht saniert.

Der Welt entrückt

Der Welt entrückt

Man fiel dabei von einer Überraschung in die andere. Zunächst mal, meint Jaschke, stellte sich heraus, dass das wenige Geld zu DDR-Zeiten der beste Denkmalpfleger war. Es wurde nicht mit den modernsten und vermeintlich besten Baustoffen herumgepfuscht. Die Bauleute hatten damit gerechnet, 60 Prozent der Holzkastenfenster auswechseln zu müssen, letztlich konnten aber 92 Prozent saniert und erhalten werden. Die Farbanstriche waren zwar verblasst, aber doch gut erhalten, sie mussten nur aufgefrischt werden, und zwar mit mineralischen Farben mit natürlichen Pigmenten. Wenn man im Akazienhof steht, dem „intimen Herzstück” der Siedlung, kommt man sich schon der Welt entrückt vor. Eine Tendenz zur Vereinzelung wäre nicht unlogisch, aber wir hören, dass das Gemeinschaftsgefühl intakt sein soll, auch wenn wir keine Läden und Restaurants sehen. Die Siedlung umfasst ja auch nur 128 Wohnungen. Man hat zu Bruno Tauts Zeiten modern, ökonomisch und nachhaltig gebaut, auch wenn das Projekt wegen des Ausbruchs des Weltkriegs nicht zu Ende geführt werden konnte. Ein geplantes Gemeinschaftshaus auf dem Falkenberg wurde nicht gebaut, aber was nicht war und was nicht ist, kann ja noch werden.

Taut nannte es Graffito

Taut nannte es Graffito

Leute wie Jaschke sehen sich offensichtlich als Nachfahren Tauts und treten mit einem gelassenen Selbstbewusstsein auf. Modern ist heute, wer die Meister der Vergangenheit zu schätzen weiß und von ihnen lernt.

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