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Da musste Nerven haben

Paradies Deutschland. Wo man sonst nicht so hinkommt

Paradies Deutschland. Wo man sonst nicht so hinkommt

Die U-Bahn steht, ich schaffe sie sowieso nicht mehr und werde keinesfalls rennen, aber sie steht immer noch, ich beschleunige meine Schritte nun doch und steige ein, ohne dass die Türen mich einklemmen. Und schon fährt der Zug – in die falsche Richtung. Klar. „Schienenersatzverkehr mit Busse”. Nach meinen Erfahrungen verläuft der Zugverkehr auf dieser Linie zu mindestens 50 Prozent irregulär. Nächste Station wieder raus. Ich warte fünf Minuten. Eine Frau tritt auf einen Mann zu, der auf der Bank sitzt, den Krückstock neben sich. Die Frau war beim Friseur und bei der Kosmetik. Sie umarmt den Mann. Sie ist vermutlich genauso alt wie er, sieht aber nur halb so alt aus. Wie geht’s, fragt sie, gut, sagt er (sieht aber nicht so aus), hast du gegessen, fragt sie. Hat er wohl. Sieht aber auch nicht so aus. Ich fahre die eine Station zurück. Die Bahn ist sehr voll. Ich steige aus, frage den Busfahrer, ist das der Ersatzverkehr nach Hönow, er sagt nichts, macht aber eine Bewegung mit dem Kopf, die man als nein deuten kann. Stiesel. Die Anzahl der Wartenden vergrößert sich. Menschen aller Schichten, Nationen und Altersstufen. Die Schule ist aus. Die Schüler müssen ihren Frust und ihre Aggressionen loswerden, auch ihren Bewegungsdrang. Sie versetzen dem Papierkorb im Vorübergehen einen heftigen Fausthieb. Einer wie der andere. Sind halt echte harte Männer. Sind auch die ersten, die im endlich anschleichenden Bus einen Platz erobert haben. Die Mädchen sagen fick dich, und die Jungs werfen Gegenstände durch den fahrenden Raum und legen die Füße auf Bänke und Rückenlehnen. Es sind abenteuerliche Fahrten mit klapprigen Bussen auf holprigen Straßen. Und die Fahrer können nicht weich bremsen. Hat sie nie jemand gelehrt. Eine dicke Sächsin, die glaubt, Berlinerin zu sein, Sonnenbrille, kastanienrot gefärbtes Haar, erklärt die Welt. Du musst hier Nerven haben wie Stricke. Der Bus braucht für die zwei Minuten der U-Bahn eine Viertelstunde, in der du öfter zweifelst, ob du das überstehen wirst, ohne dass sich dein Magen umstülpt. Dafür sehen aber die Angehörigen anderer Nationen durch die Fenster, wie das Paradies Deutschland wirklich aussieht am Rand von Berlin. Wir wussten das schon.

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