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Berlin Alexanderplatz (21): Gewöhnlicher Donnerstag

Flüchtlingsgeschichte am Alexanderplatz © Fritz-Jochen Kopka

Flüchtlingsgeschichte am Alexanderplatz
© Fritz-Jochen Kopka

Verheugen ist geneigt, seinen längst verwehten siebzigsten Geburtstag wenigstens unter vier Augen zu begehen und dabei innovativ zu werden. Wir werden nicht wie gewöhnlich ins Haus Berlin, sondern ins Berliner Hofbräu gehen, bayerische Lebenskultur im Herzen der Hauptstadt. Der Traum von einer gegrillten Haxe soll realisiert werden. Vorher habe ich in der S-Bahn noch ein paar Seiten Huysmans zu lesen (Gegen den Strich) und bei Fielmann im Alexa eine Brille abzuholen. Auf dem Alex spielt Elen, mit den sicheren Effekten der selbstgewissen Straßenmusikerin. Ich kriege meine Brille und sehe wieder klare Bilder.

Regentropfen, die an meinen Dudelsack klopfen

Regentropfen, die an meinen Dudelsack klopfen

Tiefbauarbeiten sind keine Zauberei? Anscheinend doch. Eine Tiefbaufirma ist in die Abgründe des Platzes gestiegen, sie heißt Carl Zauber. Vor der Boutique Ann Christine treten eine elegante Frau mit einem Dudelsack und ein bodenständiger Mann mit einer Pauke auf, die vereinzelten Regentropfen wischen sie einfach weg, ein schräges Paar, keine Frage.

Ich habe zu wenige Geburtstage. Früher reichte der Whisky aus, den ich zum Geburtstag geschenkt bekam, jetzt muss ich selber welchen kaufen, im Kaufhof und seiner gut sortierten Spirituosen-Abteilung, J & B, der mich mit Heiner Müller verbindet, und noch ’ne Flasche Calvados dazu, damit man nicht einseitig wird.

Schnelle Musik von Fanfara Kalashnikov

Schnelle Musik von Fanfara Kalashnikov

Vorm Kaufhof spielen fünf Bläser der eigentlich neunköpfigen Gruppe Fanfara Kalashnikov, Hochgeschwindigkeitsmusiker aus Rumänien, Griechenland, der Ukraine und Deutschland. Sie verbreiten gute Laune und sehen dabei melancholisch in die Welt.

Auf dem Weg zum Hofbräu Berlin beeindruckt eine gewaltige Reebok-Reklame. Durchtrainierte Sportlertypen helfen durchtrainierten Sportlerinnentypen, eine Mauer zu überwinden. Die Helfer sind in der Überzahl, anders als im wirklichen Leben. Wenn du durchtrainiert bist und Reebok-Klamotten trägst, hast du bessere Chancen, die Mauern zu überwinden, die dich von einem besseren Leben trennen, das ist die Botschaft.

Solch eine Haxe möcht ich sehn und einen Schnaps gleich hinterher

Solch eine Haxe möcht ich sehn und einen Schnaps gleich hinterher

Und dann die gewaltigen Ausmaße des Hofbräu Berlin. Wir betreten dieses Haus zum ersten Mal, und natürlich hat es hat auch eine Geschichte. Es war die Kantine der Ministerien, der sogenannte Fresswürfel, und ein Fresswürfel ist es geblieben und ein Saufwürfel dazu geworden. Holzbänke (mit Lehnen), Holztische, um diese Zeit (nachmittags um vier) ist vor allem die Leere imposant. Und da haben wir’s schon, ganz oben auf der Karte: resche Haxe. Wissen Sie schon, was Sie trinken wollen?, fragt die Kellnerin. Wir wissen sogar schon Ihr Geburtsdatum, prahlen wir. Die Haxe kommt, mit einer prächtigen Kruste, in der ein Spezialmesser steckt, der Kartoffelknödel und der Krautsalat sind daneben Miniaturen. Eine vorübergehende japanische Touristenfamilie kann die Blicke nicht von den Fleischbergen wenden. Möchten Sie das fotografieren?, fragen wir verbindlich, aber die Japaner sind doch eher irritiert.

In Japan denken sie, hier trinken alle so

In Japan denken sie, hier trinken alle so much

Linkerhand macht sich eine zierliche Landsfrau von ihnen an einer Maß dunklem Hofbräu zu schaffen; Trinkerin und Getränk sind irgendwie nicht auf Augenhöhe. Verheugen missachtet als Humanist, der er ist, das martialische Spezialmesser und scheitert mit dem normalen Besteck immer wieder an der Kruste. Erst ganz am Ende sieht er seinen Fehler ein. Man muss schon mächtigen Appetit haben, wenn man mit der Haxe fertig werden will, und wenn man es wirklich geschafft hat, weiß man, dass man sich einen großen Schnaps verdient hat. Scheinheilig sagen wir zur Kellnerin: Würden Sie uns noch mal zwei solche Haxen bringen? Die weiß sofort, dass das nur ein Scherz sein kann. Mann, Mann, das kann auch mal schiefgehen, sagt Verheugen.

Nordhäuser Doppelkorn gibt es in einem bayerischen Großrestaurant nicht, aber mit drei Malteser Klaren sind wir auch zufrieden. Die Blaskapelle spielt, eine Mutter tanzt ihr Baby in den Schlaf, ein Animateur begeistert seine Touristengruppe und der Trachtenshop hat geöffnet. Eine farbige Servicekraft weist den Weg zur Herrentoilette. Eine endlose Flucht von Pissbecken, hier könnte eine ganze Hundertschaft gleichzeitig ihre Notdurft verrichten. Der Bayer weiß, worauf es ankommt.

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