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Das Einzelschicksal

Ungaretti-Gedichte in einem Band der vormaligen Weißen Reihe des vormaligen Verlags Volk und Welt, Einbandentwurf Lothar Reher/Horst Hussel

Ungaretti-Gedichte in einem Band der vormaligen Weißen Reihe des vormaligen Verlags Volk und Welt, Einbandentwurf Lothar Reher/Horst Hussel

Anfang Juni druckten sie in der Frankfurter Anthologie der FAZ das Gedicht „In Memoriam” von Giuseppe Ungaretti; das fiel mir jetzt wieder in die Hände.

Die Frankfurter Anthologie ist so eine Institution des deutschen Kulturbetriebs. Marcel Reich-Ranicki hat sie vor vielen Jahren erfunden; sie war eine seiner besseren Ideen, vielleicht sogar seine beste. Ein Gedicht wird abgedruckt und in einem kurzen Essay interpretiert, neuerdings sogar manchmal vom Dichter des Gedichts, was auch reizvoll sein kann. Schon klar, man kann nicht die Geheimnisse eines Gedichts offenlegen, ohne sie ihm zu nehmen. Aber man kann etwas zum Dichter sagen, zur Situation, in der er das Gedicht geschrieben hat, zu den Begleitumständen seiner Entstehung, gegebenenfalls zur Nachdichtung.

„In Memoriam” beginnt so: „Er hieß / Mohammed Sheab”. Ein Flüchtling, ein Einwanderer, ein Asylant. Schon in der fünften, sechsten und siebten Zeile sagt Ungaretti: „Er beging Selbstmord / weil er kein Land / mehr hatte”.

Das war 1913. Mohammed Sheab war 26 Jahre alt. Er liebte Frankreich und nannte sich Marcel, aber es nützte ihm alles nichts. Er hatte seine Wurzeln gekappt, ohne zu ahnen, dass er keine neuen schlagen konnte, „Und wusste nicht / anzustimmen / den Gesang / seiner Verlassenheit”.

Ungaretti war der Verfechter einer fragmentarischen Poetik. Wenige Worte, scheinbar gelassen gesagt, die einen weiten Horizont aufreißen. Am Ende steht dies: „Und ich allein / weiß vielleicht noch / dass er lebte”.

Gisela Trahms hat zu diesem Gedicht und zur Nachdichtung von Ingeborg Bachmann gesagt, was man besser wissen sollte. Ingeborg Bachmann hat das Wort Patria im Original nicht mit Vaterland übersetzt, sondern mit Land, das „eher sanfte Assoziationen an einen bäuerlichen Kontext, fern von Pathos und Schuld” weckt.

Wir sehen die Flüchtlinge heute in der großen Masse, in der sie ankommen. Wir wissen, dass sie von vielen schlechten Möglichkeiten jene gewählt habe, von der nicht sicher sein kann, dass sie die beste ist. Es ist nicht leicht, das Einzelschicksal zu sehen, wenn 800 000 kommen. Aber es ist da. Es ist der Mensch, der seine Heimat verlässt, ohne zu wissen, ob er eine neue findet. Ohne im Moment der Flucht auch nur zu wissen, was er verliert: „Er … konnte nicht mehr / leben / im Zelt der Seinen / wo man dem Singsang / des Korans lauscht / einen Kaffee nippend …”

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