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Was machen wir mit dem Theater

Wer wird über dieses Turngerät dahinten, dieses Pferd, springen? © Christian Brachwitz

Wer wird über dieses Turngerät dahinten, dieses Pferd, springen? Oder steht das nur so da, als Gegenwelt? © Christian Brachwitz

Neulich las ich in der FAS: „Mit dem Theater ist es wie mit der Kirche. Das Angebot übertrifft die Nachfrage, und die Sitzreihen lichten sich ebenso wie die Haupthaare der verbliebenen Besucher.”

Das war mal ein Anfang! Und was kam dann? Nicht so sehr viel, schien mir, aber dann doch, dass die Chance des Theaters in unserer Welt der Bilderflut, der dramatisierten Talkshows und der ausgreifenden Fernsehserien im „radikalen Bekenntnis zum Unrealistischen und Gegenweltlichen” liege. Das leuchtet ein. Realistischer als die abfotografierte Gegenwart kann man auf dem Theater nicht sein. Aber Gegenwelten schaffen, der Phantasie folgen, Magie entfalten – das ist einfacher gesagt als getan. Wir wissen ja erst, wie sehr wir am Realen hängen, wenn wir uns etwas Unreales, Künstliches ausdenken, eine Gegenwelt schaffen wollen.

Ich weiß nicht mal, in welchem Theater wir uns hier befinden, auf jeden Fall handelt es sich um eine schräge Hamlet-Inszenierung. Ophelia und Polonius sind im Bild, und sie widersprechen unserer realistischen Vorstellung dieser Shakespeare-Figuren. Polonius, wie wir ihn zu sehen gewöhnt sind, ist ein seniler, intriganter Greis, immer auf der Seite der Macht gegen die Schwächeren agierend; er ist es, der seiner sensiblen Tochter Ophelia die Liebe zu Hamlet madig macht.

Hier sehen wir kein nymphenhaftes Mädchen, keinen greisenhaften Intriganten, sondern eher einen Bauerntrampel mit dem nuttenhaft überschminkten Mund und einen Salonlöwen. Bringt diese Umdeutung was? Fangen hier schon Gegenwelten an? Das Mädchen ist rat-, aber nicht hilflos. Der Mann ist sich seines Opportunismus bewusst und damit nicht glücklich, aber er kann nicht anderes als die Intrige. Weiter voneinander entfernt können Vater und Tochter nicht sein. Über das Theater in unserer Zeit ist damit noch nichts gesagt.

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