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Wie man sich täuschen kann

2002 – 2012 auf dem Weg zur Redlichkeit

Ich dachte gar nicht daran, den zweiten Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz (Rowohlt Verlag) zu lesen, schon gar nicht habe ich daran gedacht, Geld dafür hinzulegen. Es geht um die Jahre 2002 – 2012. Ich hatte den ersten Band mit einem voyeuristischen Interesse und einer Verwunderung darüber konsumiert, wie sich jemand immer wieder selbst ins Knie schießen kann, ohne es selbst zu merken. Mein Freund Verheugen hat mich stark gerügt, weil ich in diesem ersten Band ständig eben solche Stellen (leicht mit Bleistift) angestrichen habe und nicht die bedeutenden, schönen Passagen. Verheugen war von Raddatz begeistert, hat ihn schon immer geschätzt („eine schillernde Persönlichkeit”) und hat sich gleich weitere Bücher des Autors gekauft und sofort verschlungen.

Ich bin nicht uneinsichtig. Ich revidiere mich, und ich revidiere mich gern, wenn es zum Guten eines anderen Menschen ist. Ich habe den zweiten Band der Tagebücher gelesen und bin nicht nur beeindruckt, sondern betroffen. Am Anfang des Bandes ist Raddatz 71, und er spürt das Alter. Er spürt es von Jahr zu Jahr mehr. Der Lack ist ab, was für jemanden, der sich auch gern mal als Dandy verkaufte, schwerer ins Gewicht fällt als für andere. Die menschlichen Enttäuschungen mehren sich, die Leere um ihn wird verschlingender. Raddatz verliert Freunde, einmal durch den Tod, dann aber auch Unstimmigkeiten und Streit. Letztlich hat Raddatz keine seiner Anekdoten als üble Nachrede geplant, aber sie wurden doch so aufgefasst. Na ja, denkt Raddatz, was hat man nicht alles über mich erzählt; warum soll ich denn diese Geschichten für mich behalten.

Er stellt fest, dass er sich nicht mehr begeistern kann, nicht an seinen geliebten Blumen, nicht an den Kunstwerken, die er in seinem Leben zusammengetragen hat. Was ist wirklich geschehen in seinem Leben; was hat er phantasiert? Es war doch so, dass er viele bedeutende und mächtige Leute beeindruckt hat. Er kann sie alle aufzählen. Seine Einfälle, seine Schnelligkeit! Aber immer war es so, dass er nicht halten konnte, was diese Leute sich von ihm versprochen haben. Seine Schuld? Wer protestiert denn, wenn er überschätzt wird. Und wie soll er denn auch protestieren, wenn er gar nicht mitbekommt, dass er überschätzt wird.

Raddatz’ Urteile über seine Zeitgenossen werden immer klarer und treffender. Er trauert um die Leute, die nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Er sieht, das trifft auch ihn. Er spürt, wie die Alten und Kranken aus jener strahlenden Schicht herausgedrängt werden, die ihm einmal so viel bedeutet hat. Jetzt nicht mehr. Raddatz beschreibt an sich einen Mann, der seine Illusionen verloren hat. Alle. Was geschieht mit uns, wenn wir uns die Welt nicht mehr schön reden können, nicht mal ein bisschen? Was bleibt von mir, fragt Raddatz immer wieder. Und wenn er am Anfang noch sucht, was das sein könnte, antwortet er schließlich: nichts. In Großbuchstaben. Was man am wenigsten von ihm erwartet hat: Er hinterlässt ein Dokument der Redlichkeit. Eindrucksvoll. Bewegend.

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