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Das Geburtstagskonzert

Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Die Schlange erstreckte sich über den Hof des Admiralspalasts und über ein gutes Stück der Friedrichstraße, und sie bewegte sich kaum vorwärts. Da es um das Geburtstagskonzert von Wenzel (60; ich glaub, er mag das Wort Liedermacher nicht, schon wegen des unschönen Verbs machen) war es eigentlich unvermeidlich, dass man einige Leute in der Schlange zumindest flüchtig kannte, aber an die Dame, die vor mir stand, musste ich mich doch mit einer Frage wenden: Hab ich mich so verändert oder hast du dich so verändert, dass wir uns nicht mehr erkennen? Ach, sagte sie, ich erkenne die Leute doch nur an ihrer Stimme, das war schon immer so, es ist so eine Anomalie der Augen, die sonst gar nicht so schlecht sind, ich kann die Leute eben nur an ihrer Stimme erkennen. Aber du redest noch so wie früher. Sie nannte auch den Namen dieser Anomalie, aber ich hatte schon in diesem Moment keine Hoffnung, dass ich mir den merken könnte, und so kam es auch. Als wir schon ziemlich weit vorn an dem Tisch mit den Karten waren, ging ein ehemaliger Bundestagspräsident stolz an der Schlange vorbei und ließ sich seine Karten sofort aushändigen. Ich möchte wissen, welche Berechtigung er dafür anführen kann, sagte die Dame. So einfach ist es mit der Demokratie nicht, dass immer alle gleich sind, sagte ich, wahrscheinlich hat er das Minibuch mit dem Text des Grundgesetzes bei sich und findet für jede heikle Frage die geeignete Antwort. Später erinnerte ich mich, dass es vor knappen vierzig Jahren eben diese Dame gewesen war, die mich an die Kunst von Wenzel und damals noch Mensching heranführte, indem sie mir sagte, dass die besondere Ästhetik der beiden darauf beruhe, dass sie Anarchisten seien; wenn man das nicht wisse, könne man sie nicht verstehen. Ich dachte an Bakunin und an Herrschaftslosigkeit und muss zugeben, dass mir trotz einer unerklärlichen Voreingenommenheit das, was die beiden mit ihren Ensembles und Bands machten, von Anfang bis Ende gefallen hat. Es war einfach anders als alles andere und vielleicht schon aus diesem Grund anarchistisch. Sie haben immer Schwerstarbeit auf der Bühne geleistet und es dabei immer so aussehen lassen, als ginge das leicht und lässig, abgesehen davon, dass sie irgendwann getrennte Wege gingen, so dass Wenzel der Clown, der er eben auch war, abhanden kam, allein konnte er, glaube ich, kein Clown sein, der große Clown, Wenzel, brauchte den kleinen Clown, Mensching, und der kleine den großen. Wenzel konnte auch ernste und traurige Lieder im Clownskostüm singen, es schadete den Liedern nicht, ihm Gegenteil, es gab ihnen noch eine Extraportion Anarchie dazu. Allein war er dann Poet, Sänger, Instrumentalist, Schauspieler, Anarchist, aber eben nicht mehr Clown, was ich sehr bedauerte, weil da eine wichtige Seite fehlte.

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

An diesem Tag, dem 31. Juli, wurde er 60 und gab sein Geburtstagskonzert zusammen mit seiner Band und einigen Künstlerfreunden. Er kam allein auf die Bühne, griff sich das Akkordeon und legte los. Der Mann, der in diesen Momenten sechzig wurde, hat das unbezahlbare Talent einer leichten wie selbstverständlichen Bühnenexistenz. Du siehst, dass die Leute auf der Bühne sich wohl fühlen, und du, im Zuschauersaal, fühlst dich auch wohl, du gehörst fast dazu und wartest nicht umsonst darauf, dass Wenzel einige seiner charmanten Unverschämtheiten von sich gibt, dass er den Prenzlauer Berg, wie er war, adelt oder Europa, wie es gerade wird, mit Stirnrunzeln betrachtet. Er nimmt seine drei Kinder mit auf die Bühne (das jüngste ist fünf) und jedes hat etwas beizutragen, am eindrücklichsten natürlich Karla, die Älteste, und am rührendsten Mascha, wenn sie das Lied von der kleinen Insel singt. Wenzel ist auch ein großer Katzenfreund, aber so weit hat er es noch nicht getrieben, dass er auch die Katzenfamilie mit auf die Bühne nimmt, obwohl er absurde Geschichten über sie erzählen kann (seinen Landkater musste er persönlich sexuell aufklären). Ob er auf der Bühne steht oder an seinem Gartentisch in Vorpommern sitzt, er ist der Fürst in seinem Reich (Capote über Brando), die Sätze fallen ihm zu, er schert sich nicht darum, dass sie ungerecht sind, wenn er gerechte Sätze sprechen wollte, würden sie schlapp werden, er sagte: In diesen Städten hast du keine Chance. Damals meinte er Zwickau, aber er spielte auch in vielen anderen Städten, in denen er keine Chance hatte, und er hat sie immer genutzt. Wenn ich etwas an Wenzel auszusetzen hätte, dann wäre das die Theorielastigkeit seiner Interviews, aber auf der Bühne ist von dieser Last nichts zu spüren. Die Theorielastigkeit, die sich plötzlich in nichts auflöst, gehört mit dazu, dass ich denke: Dieser Wenzel mit seiner witzigen Melancholie ist eigentlich unentschlüsselbar.

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Er hat eine gute Band, die naturgemäß etwas gegen die Textverständlichkeit anarbeitet, aber der Geist der Songs überträgt sich doch, weil ein Lied bekanntlich immer Redundanz hat. (Ein Lied ist alles, was allein laufen kann.) Auf der Bühne ging es manchmal zu wie in einem Traum oder wie in Phantasiestücken von E. T. A. Hoffmann. Musiker sind sonderbare Gestalten, ich denke an die schöne singende Riesin im schwarzen Gewand oder an den Akkordeonisten, der weiß, wie man die Instrumente richtig halten muss. Wenzels Lieder sind atmosphärisch, poetisch, ironisch, polemisch. Balladesk eher selten. Sie haben keine Helden, nur das lyrische, zweifelnde Ich und die mehr oder minder ferne Geliebte. Typisch für ihn ist „An mich, nachts” mit der Refrainzeile: „Ich habe mir für morgen so viel vorgenommen”, kann aber nicht schlafen, verdammt. Am Ende trafen sich die Wege von Wenzel und Mensching nach all den Jahren noch einmal. Sie zogen die alten schäbigen Klamotten an, die immer noch nicht auseinander gefallen sind (und auch noch passten) (( und nicht weggeworfen wurden)), sie spielten die Ordensverleihung und die Pikoeisenbahn-Szene, und alle, die diese Stücke von früher kannten, sagten mit Tränen in den Augen: Wie schön, dass wir das noch einmal erleben durften.

  1. H. P.
    August 7, 2015 um 12:07 am

    Ich muss den ehemaligen Bundespräsidenten rehabilitieren. Er fragte mich (einen unbedeutenden Gast der zufälliger Weise bedeutsam da stand) ob er sich seine Gästekarte gleich vorne abholen könne und ich sagte ja, was scheinbar nicht stimmte. Und das klappte ja denn auch gleich … Danke für die schöne Rezension!

  2. August 7, 2015 um 11:35 am

    Vielleicht sprechen wir auch von zwei verschiedenen Personen. Ich meinte einen ehemaligen Bundestagspräsidenten , keinen Wulff und keinen Herzog oder so.

    • September 1, 2015 um 11:52 am

      Ja, ne, die meinte ich auch nicht … 😉

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