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Noch mehr erste Sätze

Im Namen der literarischen Gerechtigkeit

Im Namen der literarischen Gerechtigkeit

Ein Buch aus Romananfängen zusammenzustellen, ist eine Spielerei, eine Liebhaberei vielleicht noch mehr als eine Fleißarbeit. Harald Beck, den man als Literaten nicht kennt, hat die 1992 für den Haffmans Verlag geleistet, „Romananfänge. Rund 500 erste Sätze”. Was er fand und auswählte, hat Beck thematisch gegliedert und rubriziert. Womit kann ein Roman beginnen? Das Büchlein bietet an: „Die Monate”, „Die Wochentage”, „Das Wetter”,„Die Schule”, „Der Schlaf”, „Die Namen”, „Familie”, „Frauen”, „Türen”, „Häuser”, „Die Stadt”, „Tiere”, „Gefängnis”, „Letzte Dinge”.

Wie kann das klingen, mit den letzten Dingen zu beginnen? „Ich werde endlich doch bald ganz tot sein.” (Samuel Beckett, Malone stirbt)

Der König des ersten Satzes ist in diesem Band Vladimir Nabokov. Für ihn gibt es sieben Notierungen, darunter natürlich das unvergessbare: „Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden”. Andererseits ist das natürlich kein Satz, eher ein Ausruf oder ein Stoßseufzer (ohne Verb kein Satz). Auf dem zweiten Platz liegen Samuel Beckett und Julian Barnes gleichauf mit sechs Notierungen, dann folgt Dickens mit fünf, und das starke Mittelfeld bilden Anthony Burgess, Hans Fallada, Gisbert Haefs, Eckhard Henscheid, James Joyce und Thomas Mann, ein bizarres Durcheinander, wobei man vermuten kann, dass Haefs und Henscheid Hausautoren des Haffmans Verlags waren. Emile Zola, John Dos Passos, Ernest Hemingway, Patricia Highsmith, Lars Gustafsson, Per Olof Sundman, Isaac Bashevis Singer, John Updike und Claude Simon kommen nicht vor. Heinrich Böll auch nicht. An diesem deutschen Literaturnobelpreisträger haben sich ja viele deutsche Literaturexperten abgearbeitet. Das war damals und ist zum Teil heute immer noch modern.

Ich habe heute Lust etwas für die Gerechtigkeit in der Literatur zu tun und zitiere:

„An diesem Morgen war Fähmel das erste Mal unhöflich zu ihr, fast grob.” Heinrich Böll, Billard um halb zehn

„›Aber sie hat doch nichts, niemanden.‹” Claude Simon, Das Gras

°Charley Anderson lag in seiner Koje, in einem grellroten Gesumm.” John Dos Passos, Die Hochfinanz

„Robert Cohn war in Princeton Mittelgewichtsmeister im Boxen gewesen.” Ernest Hemingway, Fiesta

„In der Nacht vor diesem bedeutsamen Novembertag schlief ich schlecht; nicht etwa, weil ich nervös oder unruhig war, sondern weil ich mir am Abend davor lächerlicherweise einen Knöchel des kleinen Zehs am rechten Fuß gebrochen hatte.” Per Olof Sundman, Ingenieur Andrées Luftfahrt

„Torsten Bergman hieß der Mann, war weißhaarig und dünn.” Lars Gustafsson, Nachmittag eines Fliesenlegers

Genug Gerechtigkeit für heute.

  1. August 2, 2015 um 11:05 pm
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