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Erste Sätze

Wie fass ich euch, ihr Massen, wo …

Wie fass ich euch, ihr Massen, wo …

„Eines Tages habe ich dann, ohne zu wissen, was ich tat, den ersten Satz des Buches niedergeschrieben”, sagte Doctorow. „Es war, aus welchem Grund auch immer, ein Augenblick, der mir wichtig war und in mir etwas auslöste. Erste Sätze sind wichtig, sehr, sehr wichtig. Sie sind die Samenkörner eines Buches.”

Das Buch, das er meint, war „Homer & Langley”, der erste Satz ging so:

„Ich bin Homer, der blinde Bruder.”

Schlanker, fokussierter, aufreißender kann ein erster Satz kaum sein. „Homer & Langley” ist ein später Romans Doctorows, allerdings kein müdes Alterswerk. Der Dichter weiß, dass er die Welt nicht aus den Angeln heben kann, er vertraut der Kraft der Sprache. Falscher Ehrgeiz und Eitelkeit, falls es sie je gab, sind nicht auffindbar.

Ich sehe mir andere erste Sätze Doctorows an.

„1902 baute Vater in New Rochelle, New York, hoch oben, wo die Broadview Avenue über den Hügel führt, ein Haus.”

Doctorow hält sich nicht lange mit der Vorrede auf. Wieder wird das Familienthema angeschlagen (oben Bruder, hier Vater), der Roman wird terminiert, es beginnt wie nebenbei mit einer Aktion, dem Hausbau, die das Leben von Menschen stark beeinflussen kann. Schlank wird man diesen Satz aus „Ragtime”, dem Roman, mit dem Doctorow bei uns bekannt wurde, nicht unbedingt nennen wollen, vielleicht muss man nicht gleich wissen, dass das Haus steht in der Höhe steht, nämlich, wo die Broadview Avenue über eine Hügel führt. Doctorow zeigt, dass er nicht beabsichtigt, so konzentriert, so sparsam wie in seinem späten Roman zu sein. Ist bereit, Umwege zu gehen, Purismus liegt ihm noch nicht am Herzen.

Wie ich überhaupt glaube, dass das eigentliche Feld des Romans die Familie ist. Und auch das Feld der Kurzgeschichte. Passend dazu beginnt eine Short Story von Doctorow so: „Als mein Vater 1955 starb, lebte seine Mutter noch.” Wieder der Vater im ersten Satz, wieder die Familie.

Das Gegenstück zum familiären Anfangssatz bietet Doctorow auch: den universalen Zugriff. Er steht ausgerechnet in seinem sehr reichhaltigen, kompliziert strukturierten und selten erwähnten Roman „City of God”:

„Also will es die Theorie, dass sich das Universum von einem Punkt aus exponentiell ausgedehnt hat, von einem einzigen Raum-Zeit-Punkt aus, einem Moment-Ding- einem Urereignis auf Partikelebene oder einem substantiellen Quantengeschehen solchen Ausmaßes, dass das Wort Explosion dafür unzulänglich ist, auch wenn die Theorie als Urknall-Theorie bezeichnet wird.”

Das ist sicher kein Satz, den Doctorow eines Tages einfach so niedergeschrieben hat, ohne zu wissen, was er tut und der etwas in ihm auslöste. Hier wollte er einfach einem kosmischen Gefühl, das Schriftsteller, zumal amerikanische, öfter mal haben, wohlkalkuliert Ausdruck verleihen. Ein Autor muss eben das schreiben, woran ihm liegt, was ihm Freude und Befriedigung verschafft, sonst kann er auf Dauer kein Schriftsteller sein. Bei einem solchen, trotz seiner Länge und seines Anspruchs, überschaubaren Satz darf man schon fragen, wann der Dichter mich einfangen wird. Ein Satz, der einfach, personalisiert und einnehmend ist. Nun, er kommt anderthalb Seiten später:

„Ich würde gern einen Astronomen finden, mit dem ich reden könnte.”

Dagegen beginnt der Roman, der im Amerikanischen Bürgerkrieg spielt, beispielhaft induktiv:

„Morgens um fünf bollert jemand unter Gebrüll an die Tür, John, ihr Mann, springt aus dem Bett und greift sich sein Gewehr, während man schon das barfüßige Getrapse des im Hinterhaus aufgescheuchten Roscoe hört:”

Der Krieg hämmert gegen die Tür einer Familie und, wenn ich mich recht erinnere, ist natürlich auch dieser John ein Vater.

Im Haffmans Verlag ist, als es ihn noch gab, ein Büchlein mit dem Titel „Romananfänge” erschienen, „Rund 500 erste Sätze”. Dazu morgen mehr. Oder übermorgen.

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