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Ein Mann hat seine Arbeit getan

Bücher, die nicht im Regal rumstehen, sondern wirklich gelesen werden

Bücher, die nicht im Regal rumstehen, sondern wirklich gelesen werden

E. L.Doctorow ist gestorben. In New York geborener Schriftsteller russisch-jüdischer Abstammung. Er war 84 Jahre alt. Studierte Literatur an der Universität von Ohio, verbrachte den Militärdienst in Deutschland nahe Darmstadt, kam 1955 zurück, war Lektor, Dozent und schrieb und schrieb. Das erste Buch, das man von ihm las, war Ragtime. Das kam mit soviel Lob auf uns zu, dass wir es eher ernüchtert lasen; es gibt keine Wunderwerke in der Literatur, alles ist Arbeit, Talent und das Glück und die Erfahrung, es richtig zu machen.

Doctorow mochte es nicht, wenn man ihn als Autor historischer Romane sah. Was heißt, er mochte es nicht – er hielt es für ein Missverständnis. Er schrieb in der Tat über Ereignisse und Leute, die es vor langer und auch gar nicht so langer Zeit gegeben hatte, aber er sagte: „… wir müssen vergessen, wie die Wirklichkeit aussah. Das interessiert mich nicht, das ist nichts Besonderes.” Es ging ihm um die Ideen, die er – wie alle – mit sich herum trug, und die sich irgendwann durchsetzten. Darauf musste man warten. Deshalb sind seine Bücher so echt, so kunstvoll und nie künstlich. Der letzte Roman, den ich von ihm las, war „Homer & Langley”, zwei Brüder aus der besseren Gesellschaft, die, wie Doctorow im Gespräch mit Jordan Mejias (FAZ) sagte, zur New Yorker Stadtfolklore gehörten, als er noch ein Kind war. Ihn interessierte, warum diese Collyer-Brüder aus dem Leben um sie herum ausgestiegen waren. „Aber ich habe sie nun nicht als Außenseiter beschrieben, sondern wie einen Mythos behandelt. Also habe ich auch viel erfunden, denn man interpretiert einen Mythos, man erforscht ihn nicht.”

Wenn man Doctorow liest oder ihm wie hier zuhört, erfährt man unweigerlich viel über die Geheimnisse des Schreibens und des Lebens. Er ist ein Mann, der seine Arbeit getan und sein Leben gemeistert hat. Wenn er nun gestorben ist, können wir mehr Dankbarkeit als Trauer empfinden. Und in wenigen Wochen wird bei Kiepenheuer & Witsch sein letzter Roman, „In Andrews Kopf”, erscheinen. Ein Schriftsteller kann sterben, aber nicht vergessen werden.

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