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Berlin Alexanderplatz (19): Märchenstunde

Voller Spielzeug heute der Platz © Fritz-Jochen Kopka

Voller Spielzeug heute der Platz
© Fritz-Jochen Kopka

Im trüben Licht eines Juliregentags mit satter Luftfeuchtigkeit lief vor meinen Augen eine Märchenstunde auf dem Alexanderplatz ab. Das moderne Märchen: Ein Kind hat sich auf die Steinplatten gekauert, einen Lolli im Mund, die linke Hand umklammert den Roller, der gleichzeitig eine Stütze ist, die Augen verfolgen den jungen Vater und seinen Handytalk: Was ist mit unserem Mütterchen?

Modernes Vater-Tochter-Märchen

Modernes Vater-Tochter-Märchen

Berechtigte Frage, denn gleich links schleicht eine elegante und darum umso gefährlichere Hexe vorbei. Den Vater grauset’s. Er redet geschwind. Er hat keinen Blick für das ängstliche Kind.

In der Klemme

In der Klemme

Ja, stimmt, es kann auch eine Balladenstunde sein, die hier abläuft, aber der klassisch gekleidete Dudelsackspieler erinnert mich doch an den Zwerg in Schneeweißchen und Rosenrot, ja, jenen, der seinen ellenlangen, schneeweißen Bart in einem Holzstamm eingeklemmt hat und sich nicht befreien könnte, kämen da nicht die beiden frommen Mädchen vorbei. Der Dudelsackspieler hat, so wie der Zwerg mit seinem eingeklemmten Bart, große Probleme mit seinem Dudelsack. Dem entweichen Töne raus, die er niemals spielen wollte, krächzende, ja, fast Sirenentöne, und nun muss er sehen, dass er das Instrument von diesen Misstönen befreit, allein, Schneeweißchen und Rosenrot sind nicht in Sicht.

Der Schatzhauser lockt

Der Schatzhauser lockt

Der goldene Mann auf dem Podest ließ mich an den Schatzhauser (das Glasmännlein) aus dem kalten Herz von Wilhelm Hauff denken, er lockte die Menschen mit dämonischen Gesten zu sich heran und wollte sie mit Gaben aus seinem goldenen Körbchen beschenken; aber die Menschen waren entweder zu schlau oder zu misstrauisch, jedenfalls gaben sie eifrig Fersengeld, und dem Schatzhauser kamen seine Gesten abhanden.

Verliefen sich im Häusermeer

Verliefen sich im Häusermeer

Daneben machten die erwachsen gewordenen Hänsel und Gretel eine Pause auf ihrem Irrweg durch das Häusermeer; eine Missstimmung war zwischen ihnen aufgekommen; sie halluzinierten ihre Eltern; mondäne Geschöpfe, der Vater absolut androgyn.

Zwerg Nase mächtig gewachsen

Zwerg Nase mächtig gewachsen

In der Mitte des Platzes aber stand der Zwerg Nase, ebenfalls von Wilhelm Hauff, und musste glauben, sein Schöpfer habe ihn unsichtbar erschaffen, denn kein Mensch nahm eine Notiz von ihm. Ich aber ging ins nahe Haus Berlin und spülte mit fünf Staropramen den Märchenspuk hinweg.

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