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Unser Deutschlehrer und Gérard Philipe

Seitenflügel unserer alten Schule. Die Skulptur soll Uwe Johnson darstellen, der hier wahrscheinlich seine besten Tage erlebte

Seitenflügel unserer alten Schule. Die Skulptur soll Uwe Johnson darstellen, der hier wahrscheinlich seine besten Tage erlebte

Die Mädchen in unserer Klasse brachen seelisch zusammen, als unser Deutschlehrer in seiner apodiktischen Art sagte, dass Gérard Philipe ein ganz mieser Schauspieler sei, ein total überschätzter Nichtskönner, absolut talentlos. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass dieser Deutschlehrer recht hatte. Seine Ansprüche waren hoch (so verachtete er das Güstrower Stadttheater), sein rhetorisches Vermögen war enorm, sein hochmütiger Charme unwiderstehlich. Wir liebten ihn nicht, aber wir achteten und fürchteten ihn. Aber was war nun mit Gérard Philipe, der noch eine viel größere Autorität war, ein Star über alle Ländergrenzen hinweg, Fanfan, der Husar! Unser Deutschlehrer tat so, als läge es auf der Hand, dass Gérard Philipe eine Null sei. Argumente lieferte er nicht.

Erst jetzt bin ich dahinter gekommen, was er gemeint haben könnte, als Arte den Film „Aufenthalt vor Vera Cruz” zeigte. Die Rolle des Arztes, der mit Schuld am Tod seiner Frau ist und seither um ein Glas Tequila oder besser eine Flasche Tequila bettelt und sich dafür erniedrigt, lag dem Star aus Frankreich überhaupt nicht. Er konnte einfach keinen Betrunkenen spielen, die torkelnden Bewegungen waren viel zu spielerisch und elegant, das stoppelbärige Gesicht, das verschwitzte Hemd., die zerlatschten Schuhe, der Nihilismus und die zynischen Reden, das alles passte nicht zusammen, und erst am Schluss, als der Trinker das Trinken lässt, Menschen rettet und Michèle Morgan umarmt und küsst, war der Schauspieler Gérard Philipe wieder auf der Höhe. Aber da hatte unser Deutschlehrer das Kino wahrscheinlich schon verlassen. So wie er die Aufführungen des Stadttheaters regelmäßig in der Pause verließ, um uns am nächsten Tag zu erklären, wie minderwertig das alles war, was uns da vorgesetzt wurde. Nur bei Gérard Philipe blieb er uns Erklärungen schuldig. So ist das eben, wenn ein stattlicher Mann über einen schönen Mann redet, dem die Frauen zu Füßen liegen, während ihnen der energische, nicht übel aussehende Mann eher Angst macht.

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