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Summer in the City ’15

Nah am Wasser und an Gott gebaut

Nah am Wasser und an Gott gebaut

Ach. So geht’s auch, stellen wir, denen die mühsam organisierten Partys ein Graus sind, fest. Wir sind verabredet am grünen Strand der grauen Spree. Am Bahnhof Hackescher Markt schreit ein abgestürzter Obdachloser lallend nach tätiger Solidarität. Bis hin zum Bode-Museum ist der Weg dann eine einzige Sommer-Idylle. Massenhaft Liegestühle, massenhaft Gartentische, massenhaft spielende Kinder, massenhaft Straßenmusiker. Gitarren, Trompeten, Saxophone. Auf der Spree schwimmen die Stadtbesichtigungsdampfer vorbei, meistens extrem unterbesetzt. So viele Schiffe, so wenig Leute. Unser Ziel ist die Freiluftselbstbedienungskneipe gegenüber dem Museum. Die aktuelle Ausstellung: EIN GOTT. So steht es überlebensgroß auf der Werbetafel. Abrahams Erben am Nil. Juden, Christen und Muslime in Ägypten von der Antike bis zum Mittelalter. Aber das ist auf der anderen Seite des Ufers, weit weg von uns. Jemand hat Geburtstag und diesen Ort vorgeschlagen. Die einen sind für das Süße zuständig, die anderen für Brot oder Wein oder Käse. Wir haben die größten Bedenken. Und nicht nur wir. In Westberlin, sagen unsere Westberliner, ist das nicht möglich, in Gaststätten mitgebrachte Sachen zu verzehren. Geht gar nicht. Aber in der Clique ist man unschlagbar. Zunächst stellen wir zwei rustikale Tische zusammen, dann suchen wir Stühle. Neben einer großen Palme in einem großen Plastiktopf. Dann holen wir oben, über der Uferböschung, befindet sich der Ausschank, ein paar Anstandsgetränke. Auf der Freifläche bemühen sich zwei Paare mit hohem Anspruch um den Tango. Das sieht schon krampfig aus. Nicht, dass uns das dann auch noch blüht.

Wir sind nicht mehr in Ostberlin, ruft der gutgelaunte und -tätowierte Tresenwirt, Schlange stehen is hier nich. Getränk der Saison, jedenfalls für Frauen, ist Hefeweizen alkoholfrei, hier von Schöfferhofer. Das Geburtstagkind wird beschenkt und mit Komplimenten bedacht. Wir hätten sie zehn Jahre jünger geschätzt. Sie muss sich um Wasser und Gläser für die Blumen kümmern. Die Bauernrosen sind robust, die halten es einige Stunden ohne Wasser aus. Daher auch der Name Bauernrose.

… und der bewölkte Himmel über uns

… und der bewölkte Himmel über uns

Die Sonnenbrillen werden in die Haare geschoben. Je jünger die Gäste, desto schweigsamer sind sie. Die Eigentümer der Elektrofahrräder werfen ab und zu einen Blick auf die Fahrzeuge. Oberhalb der Böschung ist eine Bühne, ist ein Kinderspielplatz, eine Wiese, eine Toilettenfrau mit Toilette. Man sollte immer fünfzig Cent dabei haben. Um den Fernsehturm herum, um die Kuppel, versammeln sich malerisch weiße Wolken, wie wir uns auch versammelt haben. Abseits der Freifläche, gewissermaßen im Verborgenen, gibt eine Dame ihrem Herrn Tangonachhilfestunden. Man kann nicht sagen, dass der Mann melancholisch wirkt. Er sieht unglücklich aus, muss er aber nicht, so lange er sich nicht die Beine bricht.

Mit jedem neuen Gast wird das Angebot auf dem Tisch erneuert und ergänzt. Der mitgebrachte Wein befindet sich in Kühlbehältern. Es sind echte Profis unter uns. Einer erzählt, wie leicht es in Deutschland ist, legal an eine Waffe zu kommen. Man muss nur in einen Schützenverein eintreten. Und dann hat man eine Waffe zu Hause und 1000 Schuss Munition und wundert sich. Wollte man eigentlich gar nicht. Und will man immer noch nicht. Und wird man auch in Zukunft nicht wollen.

All you need

All you need

An einem zeitgemäßen Frauengeburtstag scheint es angebracht zu sein, kein Fleisch zu essen. Ansonsten ist alles auf dem Tisch, was man braucht. Wir hören nicht auf zu essen, wir hören nicht auf zu trinken, wir hören nicht auf zu reden. Was ist mit den Russen? Was ist mit den Griechen? Und was ist mit uns? Wie nah sind sich Russen und Ukrainer letztlich doch? Benehmen wir Deutsche uns in Europa nicht irgendwie wie die Oberstudienräte? Wer den Stempel hat, prägt die Münze. Wir denken an alte Zeiten. Leipzig als Studentenstadt. Vom Hörsaal ins Café Korso. Vom Korso in die Studentengaststätte Kalinin, Mischgemüse mit Röstkartoffeln für 95 Pfennig. Oder Demmler, der immer den marinierten Hering aß. 1,25 M. Vom Kalinin in die Kammer, die Kneipe der Leipziger Kammerspiele. Der blonde Schauspieler Kurt Kachlicki, der nie zum Arzt ging und früh starb. Vielleicht noch in die Bar des Schauspielhauses. Womit haben wir das alles finanziert? Rätselhaft. Sollen andere von ihrer Schande reden, ich rede von der meinen. Wir sprechen davon, wie sehr wir es genießen, dass wir bestimmte Lasten nicht mehr tragen müssen. Einen bestimmten Stress. Nein, das brauchen wir nicht. Unser Ehrgeiz ist gesund, also eher nicht vorhanden. Zum ersten Mal stört es nicht, dass am Tisch mehrere Gespräche laufen, die sich irgendwann wieder miteinander verflechten. Bootsbesitzer ärgern sich darüber, dass große Schiffe vorüberfahren dürfen, ihre kleinen aber nicht. Oder erst ab 18 Uhr. Ist es die Sonne, ist es das Wasser, das leichte Lüftchen, wir sind entspannt. Die ersten gehen, die letzten bleiben. Ein Sommertag in Berlin. Ein Jahr älter. Macht nichts. Im Gegenteil.

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