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Berlin Alexanderplatz (18): Das Mädchen mit den Hanfhaaren

Wohin auch immer der Song uns trägt © Fritz-Jochen Kopka

Wohin auch immer der Song uns trägt
© Fritz-Jochen Kopka

In der Mitte der Hälfte des Platzes, irgendwo zwischen Hotel, Womacka-Brunnen und Kaufhof, sang das Mädchen mit den blauen Woll- oder Hanfzöpfen, was weiß ich. Die Schuhe hatte sie abgestreift, die nackten Füße ruhten auf dem Mikroständer und die Takamine-Gitarre war an den Verstärker angeschlossen. Ein schmales, beseeltes Gesicht, leichte Hände, schnelle Finger und eine dunkle, immer leicht überschnappende Stimme. Sie sang einfach so, dass sich immer mehr Leute ansammelten und einen Halbkreis um sie bildeten. Eine solche Frau singt auf dem Alexanderplatz nicht jeden Tag.

In der Pause zwischen zwei Songs traten zwei mehr als die Sängerin auf Show bedachte Girls mit wiegenden Schritten auf sie zu, legten mit großen Gesten ihre Münzen in den Gitarrenkoffer und blieben dicht vor ihr stehen, sicher auch, um aufs Bild zu kommen, denn die Sängerin stand unter Beobachtung einiger Fotografen und Kameraleute, die Marketingaufnahmen machten, und soviel war klar: Hier sang eine mittlere Berühmtheit, aber den Namen auf ihrer CD im Gitarrenkoffer, Preis 15 €, konnte man wegen des künstlerischen Schwungs der Buchstaben nicht entziffern.

Dabei sein, zuhören, den Moment verewigen

Dabei sein, zuhören, den Moment verewigen

Ich bin Elen, sagte Elen. Sie hat gerade ihre Debüt-CD herausgebracht, die sie per Crowdfunding finanzierte, sie hat bei Voice of Germany Aufsehen erregt, bis sie irgendwann scheiterte, aber was kratzt das eine Straßenmusikerin, die viele gute Plätze in Berlin kennt, wo man Musik machen kann, am schönsten vielleicht am S-Bahnhof Schönhauser Allee, Plätze, wo eine wie sie immer ihre Zuhörer findet, so, dass sie von dem, was sie macht, Musik, leben kann, wer hätte das gedacht, am wenigsten vielleicht sie, am Anfang ihrer Straßenmusikerkarriere. Ihre Songs heißen „Compassion” (Mitleid), „Feel like Rain” und „You never Said”. Das kann ja noch subtiler werden.

Und die Musik der anderen, hier: Hongkong

Und die Musik der anderen, hier: Hongkong

Als ich nach zwei Stunden wieder vorbei kam, saß Elen noch an gleicher Stelle und spielte mit derselben Hingabe. Ansonsten gehörte der Alexanderplatz an diesem Tag den Asiaten mit exotischen Instrumenten und rätselhaften Waren. Aber der Clou war diese zurückhaltende, hingebungsvolle Sängerin aus Berlin mit den bunten Wollzöpfen.

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