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Unterwerfung leicht gemacht

Houellebecq in meinem Regal

Houellebecq in meinem Regal

Romane mit Vorwegnahmen politischer Zustände ignoriere ich; aber Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung” war einfach im Haus. Da ich mittlerweile imstande bin, seinen Namen, ohne nachzusehen, richtig zu schreiben, und da ich eigentlich auch immer irgendwie voll dabei war, wenn ich etwa „Ausweitung der Kampfzone”, „Elementarteilchen” oder „Karte und Gebiet” las, nahm ich mir auch „Unterwerfung” vor, obwohl der Roman mir einfach zu viel Publizität bekam wegen einer thematischen und temporären Nähe zu den Anschlägen auf „Charlie Hebdo”. Houellebecq denkt und schreibt konsequenter, unangepasster und auch unanständiger als andere.

Sein Roman, deutsch erschienen bei Dumont, spielt in einer nahen Zukunft; einige der politischen Akteure kennen wir noch aus der Gegenwart, und der utopische oder gar nicht so utopische Sachverhalt ist, dass Islamisten nach einer Wahl die Macht in Frankreich übernehmen. Damit ändert sich für Francois, den Ich-Erzähler, einen Literaturwissenschaftler, beinahe alles. Er verliert seine Stelle an der Universität, was ihn auch erotisch seiner Möglichkeiten beraubt, er hat nämlich nun keinen Kontakt zu Studentinnen mehr, die seine Liebesobjekte waren, so lange das Studienjahr eben dauerte. Francois verzieht sich aus dem unruhigen Paris, überdenkt sein Leben, das vergangene und zukünftige, er kehrt zurück und hätte nichts auszustehen: Die neuen Herren sind großzügig und zahlen ihm die komplette Pension, obwohl er gerade mal um die vierzig ist.

Nun ist Francois, bei allen seinen Macken oder gerade wegen dieser, ein angesehener Gelehrter, ein Huysmans-Spezialist, und da die Universität nach dem Umbruch einigen Mangel an renommierten Wissenschaftlern hat, kommen Offerten auf ihn zu, einen exemplarischen Intellektuellen, heimatlos, beziehungslos, ohne Glauben, nahezu ohne Gefühle, voller Skepsis und Zynismus („ich war politisiert wie ein Handtuch, was wahrscheinlich schade war.”). Dennoch leidet er unter dem Bedeutungsverlust, unter dem Verlust der öffentlichen Rede, der wissenschaftlichen Aufgabe, unter dem Verlust von Publikationsmöglichkeiten. Nebenbei bemerkt hält unser ungehobelter Intellektueller nicht viel von der Demokratie, wie wir sie kennen: „Seltsamerweise war der Westen überaus stolz auf dieses Wahlsystem, das doch nicht mehr war als die Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs, nicht selten kam es sogar zu einem Krieg, um dieses System anderen Ländern aufzuzwingen, die diesbezüglich weniger enthusiastisch waren.”

Hier ist es nun also zu einer Wahl gekommen, durch die die Anderen ihr System uns aufzwingen. Interessant ist, wie Francois die Offerten der neuen Mächtigen begutachtet, sich ihnen nähert, wie er dabei beginnt, die Regeln des Islams zu akzeptieren und schließlich sogar der Forderung nachgibt, als Atheist, der er eigentlich ist, zum Islam zu konvertieren. Mit gelinder Verblüffung nimmt er die islamistische Begründung der Polygamie zur Kenntnis. Es geht um natürliche Selektion. Nur wenigen beseelten Geschöpfe soll es vorbehalten sein, mit ihren Samen „die nachfolgende Generation zu zeugen … Aufgrund des Trächtigkeitsverhältnisses bei den Weibchen zur nahezu unbegrenzten Fortpflanzungsfähigkeit der Männchen laste der Selektionsdruck vor allem auf Letzteren.” Je auserwählter ein Mann ist, desto mehr Frauen stehen ihm zu. „Was Sie betrifft, so denke ich”, sagt der neue Präsident der nun Islamischen Universität Paris-Sorbonne, „dass Sie ohne Probleme drei Frauen haben könnten – aber natürlich sind Sie dazu keineswegs verpflichtet.” Auf diese seine Frauen darf Francois natürlich vorab keinen Blick werfen. Diesen Job übernehmen erfahrene Heiratsvermittlerinnen. Eigentlich sei der Mann sowieso nicht in der Lage, kultiviert zu wählen. An solchen Punkten ist Houellebecq auf der Höhe seiner Kunst. Man kann sich vorstellen, wie er sich ins Fäustchen lacht, wenn er derartige Argumentationen erfindet.

Was da, im Paris einer nicht so fernen Zeit, geschieht, ist eine Unterwerfung ohne Qualen, eine Unterwerfung aus reiner Vernunft. Wie sagt man so schön? Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann kann sich schon auf etwas einlassen, das einem völlig fremd ist. Und die Rahmenbedingungen sind eben Geld, Bedeutungszugewinn, auch Macht. Man wird Zeuge dieser schleichenden Unterwerfung und glaubt seinen Augen nicht zu trauen, weiß aber, dass so etwas geradezu zwangsläufig ist, wenn die Verführer nur bedeutende Leute mit Charme, Bildung, guten Manieren und rhetorischer Begabung sind.

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