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Warum müssen Jungs kicken?

In der Sonne, vor dem Schatten, auf dem Beton © Christian Brachwitz

In der Sonne, vor dem Schatten, auf dem Beton
© Christian Brachwitz

Zeit, Ewigkeit, ich weiß nicht wo. Zwei Jungs, ein Ball, zwischen Mauern, Autos, auf dem Beton, vor dem Schatten in der Sonne. Davon träumen, Messi zu sein und es keinem sagen. Bloß kein Spott. Ernüchtert werden, desillusioniert, aber am Ball bleiben, ein Leben lang.

Ausgerechnet ich, die arme Kriegshalbwaise, besaß einen Lederball. So ein Ball bestand aus einer Blase und einem Ledermantel. Der Opa, kaum hatte er mir den Ball geschenkt, starb. Er hat mir auch das altmodische Geschenk einer Taschenuhr mit Kette gemacht; wo sollte ich die tragen? Auch der Ball war alt. Vielleicht hatte mein Opa noch selber damit gekickt. Man konnte ihn mit Schuhcreme einreiben, damit er ein wenig Farbe bekam und glänzte. Pass bloß auf, dass sie dir den nicht klauen, sagte meine Mutter. Ich passte auf, aber ich konnte nicht verhindern, dass die Nähte platzten. Ich musste den Ball zum Sattler bringen, aber bald platzte wieder eine Naht, und irgendwann habe ich den Ball einfach beim Sattler vergessen.

Wer den Ball hat, ist in Kampfstellung, will ihn behaupten. Wer den Ball nicht hat, wartet ab, ist defensiv. Vielleicht wird aus dem Jungen vorn ein Fußballer und aus dem anderen ein Philosoph. Oder auch ein Fußballer, aber eben ein Mittelfeldstratege. Der braucht mehr den Kopf als die Lunge.

Jens Lehmann, als er gefragt wurde, warum er Torwart wurde, sagte so ungefähr, wenn ich mich nach dem Ball warf – es tat nicht weh, nicht mal auf dem Beton.

Warum wollen Jungs Fußball spielen? Weil sie zur Gruppe gehören und nicht gemieden werden wollen? (Wer nicht Fußball spielt, ist ’ne Flasche.) Ist der Ball für Jungs sowas wie für die Mädchen die Puppe? Ist es die pure Bewegungslust? Der Traum, einmal bejubelt zu werden? Die Erlösung, die es bedeutet, ein Tor zu schießen? Das Experiment im Team, Flanken, Dribbeln, Doppelpass? Alleingänge, Zweikämpfe?

Zwei Jungs ein Ball. Das kann alles sein und ist niemals nichts.

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