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Dritter Tag

Kino zu Hause

Kino zu Hause

Zu den Nachrichten aus der Provinz gehört, dass sie dort keine guten Filme mehr zeigen. Nur Blockbuster, und wenn’s hochkommt „Ziemlich beste Freunde”. Sie können es sich nicht leisten, dass sich in ihren Sälen wenige Leute einen vielleicht abgehobenen Film ansehen. Aber in dieser Woche war im Kino in Berlin auch nicht viel los, und warum sollen wir uns einen mittelmäßigen neuen Film ansehen, wenn wir die guten älteren Filme zu Hause haben und dabei Rotwein trinken können.

Wir legten mehrere DVD vor, und unser Gast wählte „Man muss mich nicht lieben”, die Geschichte des freudlosen, mürrischen Gerichtsvollziehers Jean-Claude (Patrick Chesnais), der einmal ein Tennis-Ass war, aber nun aus Bewegungsarmut auf den Infarkt zusteuert. Zu seinem Leben gehört der schüchterne Bruder und der im Altersheim lebende Vater, der Jean-Claude bei seinen sonntäglichen Besuchen mit seiner Übellaunigkeit foltert. Eine ausweglose Existenz. Ein Gesicht, das keine Regung, schon gar kein Lächeln kennt. Aber da Jean-Claude sich bewegen muss, wenn er nicht ganz sterben will, nimmt er an einem Tango-Kurs teil, und das kleine Wunder geschieht. Francoise (Anne Consigny), die Frau mit dem mädchenhaften, aber auch leise insistierenden Charme, tanzt am liebsten und dann nur noch mit dem grämlichen Jean-Claude, und den beiden gelingt der Tango, man kann auch sagen, das Zusammensein. Aber das Leben hat längst andere Weichen gestellt. Francoise bereitet sich auf die Hochzeit mit dem verkannten Dichter Thierry vor, und eigentlich kann sie sich selbst nicht erklären, was mit ihr los ist. Nur Jean-Claude, dessen Panzer gerade aufbrach, fühlt sich betrogen und ist nun mehr denn je überzeugt, dass er nicht lächeln und nie mehr tanzen kann im Leben. Wenn nicht seine an der Tür lauschende Vorzimmerdame wäre, die ihn darüber aufklärt, dass Frauen manchmal Dinge sagen, die sie überhaupt nicht meinen.

In der letzten Sequenz führt der Tango Francoise und Jean-Claude wieder zusammen; es ist ein Tanz, von dem man denkt, dass er ewig dauern kann.

Das ist ein Film von 2005, und es ist das Spielfilmdebüt von Stéphane Brizé. Kaum glaublich, dass ein Debütant einen vollkommenen, uneitlen Film drehen kann, der mit seiner Melancholie glücklich macht, den Gast und uns.

Am zweiten Abend wählt der Gast „Mondsüchtig” aus. Als der Film 1987 erschien, hat sicher niemand gedacht, dass diese Komödie, die im Milieu der Italoamerikaner in New York spielt, noch fast dreißig Jahre später so frisch sein würde, dass man sie jeden Monat einmal anschauen kann, ohne sich zu langweilen, auch wenn Cher damals den Oscar als beste Hauptdarstellerin und Olympia Dukakis für die beste Nebenrolle gewann. In diesem Film hat auch noch die kleinste Randfigur eine besondere Geschichte, und die Leute beglücken und nerven sich mit ihren Lebensweisheiten, auch wenn sie nicht immer so drastisch sind wie diese: „Scheiß nicht dort, wo du isst.”

So weit ich weiß, hat der Regisseur, Norman Jewison, nie wieder einen vergleichbaren und vergleichbar guten Film gedreht. Das ist ja auch klar. Um einen solchen Film zustande zu bringen, brauchst du eben auch Glück, und so viel Glück hat man beim Film nur einmal.

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