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Evas Gnade. Strittmatters Tage und Jahre (1)

„Nachrichten aus meinem Leben” und „Der Zustand meiner Welt”, Erwin Strittmatters Tagebücher

„Nachrichten aus meinem Leben” und „Der Zustand meiner Welt”, Erwin Strittmatters Tagebücher

Wie’s manchmal so ist. Den ersten Band von Erwin Strittmatters Tagebüchern las ich punktuell. Vom zweiten, „Der Zustand meiner Welt” (1974 bis 1994), konnte ich mich nicht lösen, bis ich durch war. Strittmatter geht ins Exil. Verlässt Berlin und das Theater, landet aber nicht im Westen, sondern in Schulzenhof bei Gransee, auf dem Land. Er lebt wie ein Schriftsteller, der auch ein Bauer ist, züchtet Pferde, verdient sogar Geld damit. An seiner Seite wird Eva, seine Frau und Mutter einiger seiner Kinder, zu einer berühmten Dichterin („Ich mach ein Lied aus Stille”), was nicht nur zum Guten für die Ehe ist („Nachdem Eva ihr Talent von der Umwelt bestätigt erhielt, tut sie die Hausarbeit wie eine Gnade, die sie mir angedeihen lässt.”) Strittmatter genießt die Natur, sitzt und schreibt. Gelegentlich nervt Besuch aus Berlin. Lektoren, Kulturfunktionäre, Schriftstellerkollegen. Man glaubt es nicht: Strittmatter ahmt, um nicht zu sagen: äfft, die Dialekte von Schweizern (Dürrenmatt) und Sachsen (Faber) nach, auch das gebrochene Deutsch seines Freundes Lew Kopelew. Der Literaturminister Höpcke ist für ihn der „Devil”. Den Verlagsleiter Faber bedenkt er mit Titeln Schönling und Lautsprecher, der redet wie folgt: „Haste mich verstanden? Verstehste mich? Versteh mal richtig! Du verstehst, was ich meine … Sowieso, sagte er, haben mir mit dem LATEN trüben een Durchbruch erzielt, aber des is die Grone.” Zu seinen Lektoren heißt es: „Mit soviel Verständnislosigkeit hatte ich nicht gerechnet … Ihre Angst vor der politischen Verantwortung verstecken sie hinter künstlerischen Argumenten.” Je berühmter oder elitärer jemand ist oder zu sein scheint, desto scheinheiliger schreibt Strittmatter ihre Namen falsch. Stefan (statt Stephan) Hermlin. Rosewitsch statt Rózewicz. Joroslav Seifert (Literaturnobelpreisträger 1984) statt Jaroslav. Der Dichter herrscht über die Buchstaben. Nicht das Standesamt. Kurios und traurig, wie der Autor den für Ideologie zuständigen Sekretär Kurt Hager im ZK-Gebäude aufsucht, gewissermaßen die zweithöchste Instanz. Ein Passierschein wird ausgefüllt. Der Dichter wird von Posten zu Posten weiter gereicht. Passierschein und Ausweis werden mehrfach geprüft. Ein Mann in Zivil begleitet den Dichter, der den Weg kennt, aber der Mann lässt sich nicht abweisen, die Sekretärin nimmt Strittmatter Passierschein und Mütze ab. Ein zweistündiges Hin und Her in Hagers Büro. Es geht um die Druckgenehmigung für den neuen Roman. „Die Sekretärin ist schon gegangen. Der Bewacher bewacht meine Mütze. Er quittiert meinen Abgang auf dem Passierschein. Er bringt mich zum Eingang.” Der zum Glück auch der Ausgang ist. Strittmatters Tagebücher sind, herausgegeben von Almut Giesecke, im Aufbau Verlag erschienen.

  1. April 2, 2015 um 3:14 pm

    Ich habe einiges von Strittmatter gelesen. Die tagebücher kannte ich noch nicht.Vielen Dank für den Tipp!

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