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Hamburger Elend

Bizarre Umrisse, wie gespensterhaft ist das denn © Christian Brachwitz

Bizarre Umrisse, wie gespensterhaft ist das denn
© Christian Brachwitz

Wir waren nur das Berliner Büro einer stolzen Hamburger Redaktion. Und wenn wir zu den Redaktionskonferenzen nach Hamburg reisten, fragten uns die stolzen Hamburger Redakteure, wie fasziniert wir denn von ihrer schönen Elbestadt seien, die wir aus dem damals ziemlich schroffen Berlin kamen. Ja, sehr, sagten wir, aber man sieht viel Elend. Die Stadt scheint doch recht arm zu sein. Das konnte die stolzen Hamburger Redakteure wahnsinnig machen oder sie hielten uns einfach für Idioten. Doch was wir gesehen hatten, hatten wir nun mal gesehen. Wenn wir mit dem Frühzug in Hamburg ankamen, lagen vor den geschlossenen Türen der fetten Hamburger Kaufhäuser die Obdachlosen mit zottigen Haaren inmitten ihrer Habseligkeiten, mehr tot als lebendig. Verglichen mit ihnen hatten es die Leute, die 1989 ihre Zelte (oder Wohnwagen) in Hamburg-Altona aufgeschlagen hatten, deutlich besser. Das waren Menschen, die sich noch zusammentun und gemeinsame Sache machen konnten. Sie schützten den Ort, den sie sich erobert hatten, eher symbolisch mit Balken, Brettern, Gittern, Zaunteilen und Buschwerk, griffen mutig zur Farbe und schrieben fragmentarische Losungen an die Restbestände von Mauern und Schuppen, „Strand für ALLE”, in der hoffnungslosen Illusion, dass man damit jemanden mobilisieren könnte. Dabei war man doch mobil, man war sogar motorisiert: Die Maschine liegt zwar schräg am gedachten Strand, ist aber vergleichsweise vorbildlich gepflegt. Aufbruch ist jederzeit möglich, von einem Elend ins andere. So ist das, wenn man sich vom bürgerlichen Leben verabschiedet hat. Erklär mir Freiheit.

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