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Das Elend ist dem Menschen zumutbar

Jonathan und Sam von der Unterhaltungsindustrie

Jonathan und Sam von der Unterhaltungsindustrie

Und nun zum Film selbst. Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Ist von dem Schweden Roy Andersson und in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Andersson wäre ziemlich unbekannt, wenn er nicht ständig mit den berühmten Andersons Paul Thomas (There Will Be Blood) und Wes (Moonrise Kingdom) verwechselt würde. 1975 erlebte Roy Andersson mit dem Film „Giliap” ein ziemliches Desaster, zog sich vom Spielfilm zurück und drehte halbe Ewigkeiten lang nur noch Werbung. Werbung allerdings, die mit Hilfe des Schwarzen Humors wirbt. 2000 kehrte er zum Spielfilm zurück und begann mit „Songs from the Second Floor” seine Trilogie über das menschliche Wesen. Den zweiten Film dieser Reihe, „Das jüngste Gewitter” sahen wir völlig unvorbereitet und waren anschließend verwundert und berührt.

Anderssons Filme sind anders. Das fängt mit dem Farbton an. Die Farben wirken so, als hätte die Zeit sie mit Staub überzogen. Geredet wird wenig und nur das Banale. Es gibt keinen Spannungsbogen, aber viele Dinge, die sich wie im wahren Leben ständig wiederholen und dabei immer verhängnisvoller werden. Die Taube beginnt mit drei Todesfällen. Der Tisch ist gedeckt. Der Mann greift sich die Rotweinflasche und den Korkenzieher. Im Hintergrund hantiert die Frau in der Küche. Der Korken bewegt sich kein Stück. Der Mann setzt mit vollem Körpereinsatz ein zweites Mal an, nichts. Beim dritten Versuch ereilt ihn ein Herzschlag, er bricht zusammen und verröchelt. In der Küche werkelt die Frau weiter. Kann sein, dass sie nichts mitbekommen hat, kann aber auch nicht sein. In der zweiten Sequenz will eine Sterbende im Krankenhaus ihre Handtasche nicht loslassen. In der dritten liegt der Tote bereits neben dem Tresen eines Restaurants. Das Krabbensandwich und das Bier, das er zu Lebzeiten zu sich nehmen wollte, sind bezahlt, zurücknehmen kann man es nicht, wer möchte es habe, gratis? Betretenes Schweigen. Ich würde das Bier nehmen, sagt ein feister Mann, holt sich das Glas vom Tresen und bedankt sich höflich.

Ein alter Kapitän übernimmt den Laden seines erkrankten Schwagers und muss den Leuten nun die Haare schneiden, wenn sie nicht rechtzeitig fliehen. Ein Mann kommt nicht darüber hinweg, dass nicht Mittwoch, sondern Donnerstag ist. Ein einsamer alter Leutnant ist nicht in der Lage, jemals rechtzeitig am richtigen Ort zu sein. Eine korpulente Flamencolehrerin versucht, die erogenen Zonen eines Tanzschülers zu berühren und wird immer wieder zurückgewiesen. König Karl XII. reitet in eine Vorstadtkneipe ein, um in den Krieg gegen die hinterlistigen Russen zu ziehen. In dieselbe Kneipe haben sich auch die Hauptakteure verirrt, zwei Vertreter der Unterhaltungsbranche, deprimierte Gestalten, die den Menschen helfen wollen, Spaß zu haben, indem sie ihren Koffer mit Vampirzähnen, Lachsäcken und Gevatter-Einzahn-Masken öffnen. Nichts wird daraus. Die Dinosaurier werden immer trauriger. Andersson erzählt, wie sich Menschen mit eingeübtem Rollenverhalten in ihr Elend schicken. Misslingen nicht als Tragödie, sondern als folgerichtiges Geschehen. Und insofern auch aushaltbar. Wer Erfahrungen mit dem Elend hat, kann es auch ertragen.

Der ewig wiederholte Satz: Es freut mich zu hören, dass es euch gut geht. Was? (Wie kann man das, was wir sagten, so verstehen?) Es freut mich zu hören, dass es euch gut geht. Ich soll auch von meinen Mann sagen, dass er sich freut zu hören, dass es euch gut geht. Was? Mein Mann freut sich auch zu hören, dass es euch gut geht. Dafür sind Handys schließlich da. Dass man solche Sätze sagen und wiederholen kann.

Die rührendste Szene spielt sich wohl in einer Anstalt für behinderte Kinder ab. Die Kinder betreten die Bühne und führen etwas vor. Was willst du vorführen, fragt der Betreuer. Das Mädchen will ein Gedicht vortragen. Wozu sie nicht in der Lage ist. So erfragt der Betreuer das Gedicht. Es handelt von einer Taube, die auf einem Zweig sitzt und das Leben um sie herum betrachtet. Der Betreuer bedankt sich für den (nicht stattgefundenen) Gedichtvortrag. Das Mädchen erhält einen großen Applaus. So etwa erzählt Roy Andersson. Manchmal schien es, als wären die sechziger Jahre zurückgekommen und wir säßen im Berliner Ensemble, dem wirklichen Brecht-Theater. Nie wieder wurde so gutes Theater gespielt wie in jener Zeit und deshalb kann jene Zeit auch niemals ganz vergehen. Aber ins Kino “Zukunft” passte der Film auch gut.

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