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Stolz und Hochmut des Migranten

Sprich, Erinnerung, sprich, das sind die Memoiren Vladimir Nabokovs bis zu dem Tag, an dem die Familie 1940 das Schiff nach Amerika betritt. Nabokov ist einen Tag älter als das Jahrhundert, er war gerade 18, als die Nabokovs Russland wegen der Oktoberrevolution verließen, aber schon ein ziemlich fertiger Mensch, wie man liest. Die Erinnerung spricht besonders gern und innig über die Kinder- und Jugendjahre in Russland, die Zeit in St. Petersburg, die russische Landschaft, das Leben auf den Gütern der Nabokovs, Ferienaufenthalte in Frankreich. Diener, Chauffeure, Privatlehrer, Gouvernanten, Eltern, Schwestern und Brüder, Onkel und Tanten werden bedacht; allzu große Ehrfurcht empfindet Vladimir vor niemandem, dazu ist er sich der eigenen Größe zu bewusst. Seine Leidenschaft ist die Jagd auf Schmetterlinge, Nabokov ist gleichsam schon als Lepidopterologe auf die Welt gekommen.

Nabokovs Erinnerungen, erschienen einst bei Rowohlt

Nabokovs Erinnerungen, erschienen einst bei Rowohlt

Kein Wunder, dass die Welt des Exils ihn nach dem Heimatverlust weitgehend kalt lässt. Da ein Mann wie Nabokov gewohnt ist, offener zu sprechen als die Masse der Menschen, erfahren wir von ihm Unerwartetes über die Gefühlswelt der Emigranten. Er lebte vorwiegend in Berlin und Paris „ein Leben unter völlig belanglosen Fremden, geisterhaften Deutschen und Franzosen, in deren mehr oder minder unwirklichen Städten … Diese Einheimischen schienen genauso flach und durchsichtig wie aus Zellophan geschnittene Figuren …”. Fremd ist der Fremde nur in der Fremde? Der Fremde vermag es nicht, sich selbst als fremd zu empfinden, fremd sind immer die anderen, in diesem Fall die Einheimischen. Man kommt kaum umhin, vom Hochmut des Eingereisten, des Gastes, zu sprechen, der aber verständlich ist, trägt er doch seine Welt im Kopf mit sich herum; und so stört ihn die neue, andere Welt, statt dass er ihr mit Neugier und Sympathie begegnen könnte. Jedenfalls mag das Menschen so ergehen, die derart vorgeprägt sind wie der Aristokrat Nabokov. Er drückt sich um das Wort Arroganz nicht lange herum. An Berlin und Paris interessierten ihn die Russen, die wie er emigriert waren; „unter den wenigen deutschen und französischen Bekannten (meistens Zimmervermieterinnen und Literaten)” hatte er in zwanzig Jahren „nicht mehr als zwei gute Freunde”. Es ist unter diesem Aspekt sicher falsch, wenn wir uns den Migranten als dankbaren und demütigen Gast vorstellen. Mehr als das braucht er seinen Stolz, um in den fremden Ländern nicht klein und hässlich zu werden.

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