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Helden des Ostens (6): Graf Kiedorf

Grafen sieht man in Berlin-Mitte immer mal wieder

Grafen sieht man in Berlin-Mitte immer mal wieder

Nicht ohne Grund beachtet man die Todesanzeigen in der Zeitung. Und in den Berliner Zeitungen kenne ich die Toten, jedenfalls einige von ihnen. Das nenne ich Heimat. Heimat sind die Lebenden und die Toten.

Jetzt starb Graf Kiedorf. Seine Freunde, die sich sein Gesinde nennen, haben zusammengelegt und eine Anzeige (einen Zweispalter) in der Berliner Zeitung gekauft. „Wir erheben das Glas auf Dich in Dankbarkeit”, schreiben sie und zählen die Kneipen auf, in denen sie so oft noch mit ihm zusammen das Glas erhoben haben: „Lampion”, „Pieper” und „Lokal”.

Im Lampion habe ich ihn einige Male erlebt. Bei Pieper seltsamer Weise nicht mehr. Er hatte irgendwie andere Zeiten. Manfred Kiedorf, geboren 1936, war ein kleiner, vorzeitig gealterter Mann. Mit glatten, gescheitelten Haaren. Und er hatte meistens ein Glas in der Hand, und zwar so beschwingt, dass man glaubte, das Glas tanze mit ihm. Dem Beinamen Graf, den er sich selbst gegeben hatte oder den ihm seine Freunde schenkten, machte er alle Ehre und Unehre. Er konnte hochmütig und auch ein Giftpilz sein. Es geschah abermals im Lampion, dass ihn ein Fremder störte, der sich im Gespräch mit einer attraktiven Dame befand, die Graf Kiedorf schon oft mit seinen Bonmots verwöhnt hatte und von der er meinte, dass sie besser ihm zukommen sollte. Jedenfalls ihre Aufmerksamkeit. Was bist du denn für ein Nichtsnutz, ranzte Graf Kiedorf den Fremden an, den er noch nie im Lampion erblickt hatte. Der Fremde lächelte ihm freundlich ins Gesicht und sagte charmant: Ich bin Graf Kiedorf. Graf Kiedorf klappte erstmal der Unterkiefer runter. Dann rief er empört, an das Gesinde gewandt: Dieser Nichtsnutz behauptet, er ist ich. Ein Satz, mit dem er eigentlich nicht zufrieden sein konnte. Gewiss bin ich ich, sagte der Fremde verbindlich.

Dieser Abend im Lampion gefiel Graf Kiedorf überhaupt nicht. Der Fremde hatte ihn in die Defensive gedrängt, aus der er nicht mehr herauskam. Hier ist meines Bleibens nicht länger, sagte er verstimmt. Ich gehe nach Hause. Meines Bleibens auch nicht, sagte der Fremde, eine gute Idee. Sie haben doch bestimmt einen guten Tropfen in Ihrem Weinkeller. Graf Kiedorf winkte heftig ab und drehte sich auf dem Absatz um wie Rumpelstilzchen.

Man hätte einiges über ihn wissen können. Er hatte studiert und war Zeichner, Miniaturist und Bühnenbildner. Er arbeitete beim Theater und beim Fernsehfunk der DDR, zeichnete auch für die Kult gewordenen Mosaik-Hefte. Er wollte in den Westen abhauen und wurde eingesperrt. Im „Stern” konnte man lesen, dass er zusammen mit einem Freund – vielleicht aus Pappmaché und Spucke – zwei kleine Königreiche von Rokokoschlössern mit den dazugehörigen Aristokraten und Dienern baute. Er hatte eine richtige Biographie, wie sie mancher, der sich zu aller Überraschung nach der Wende als Widerständler entpuppte, gern gehabt hätte. Es war auch die Biographie eines Bohemiens und Schelms, dem ab und zu ein Missgeschick widerfuhr.

Vor gar nicht langer Zeit sah ich ihn am Strausberger Platz. Er war nicht mehr großartig gealtert, aber sein Gang war so zierlich wie der einer Rokokogestalt. Man hörte gleichsam ein Spinett.

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