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Der Tod ist ein banales Geschäft

Man muss den Gefühlen widerstehen … Berlin 1980 © Christian Brachwitz

Man muss den Gefühlen widerstehen … Berlin 1980
© Christian Brachwitz

Es gibt Zeiten, da wird man häufig zu Hochzeiten eingeladen, es gibt Zeiten, wo sich die Beerdigungen häufen. Da muss man hingehen, auch wenn man es nicht gerne tut. (Auch einer Hochzeit beizuwohnen, ist nicht unbedingt ein Spaß. Meistens tut einem das glückliche Paar leid, das einiges über sich ergehen lassen muss.) Niemand, der nicht beruflich damit zu tun hat, beherrscht das Ritual der Beerdigung. Zwangsläufig kommt es zu Momenten der Beklommenheit und peinlichen Augenblicken. Ich habe einen Trauerredner erlebt, einen Freund des Verstorbenen, der in dem Moment, als er am Rednerpult stand, mitbekam, dass er seine Aufgabe unterschätzt hatte und dem Mann, den er nun verbal betrauerte, doch nicht so nahe gestanden hatte, wie er dachte. Er hatte sich nur ein paar Stichpunkte aufgeschrieben und nun, plötzlich, gingen ihm die Formulierungen aus. Heißer Schrecken ergriff ihn, den er aber irgendwie in Rührung umdefinieren konnte. Tränen schossen ihm in die Augen, die Nase lief, er kämpfte mit seiner rutschenden Brille, aber er brachte seine Rede zu Ende, wandte sich entschieden zum Sarg und sagte mit weicher Stimme den einzigen Satz, den er vollständig notiert hatte: Du bleibst jetzt hier, aber wir nehmen dich auch mit.

Wir vermeiden es, uns Gedanken zu machen über diese traurigen Tage. Wir reden von den Totengräbern und meinen die Sargträger. Mit solchen haben wir es hier zu tun, wenn ich mich nicht irre. Für sie ist der Tod ein banales Geschäft. Sie sollten einheitlich gekleidet sein und weiße Handschuhe tragen. Zylinder, Krawatte, Trenchcoat, blanke Schuh. Ich habe gesehen, wie sie unter der Last eines schweren Toten wankten. Es ist gut, wenn sie etwa gleich groß sind. Am Fußende ist die Last leichter, am Kopfende schwerer, man sagt, dass die in der Mitte kaum etwas zu tragen hätten, aber das stimmt nicht. In einem Friedhofsjob findet sich mancher wieder, der sein Studium geschmissen hat, aber es vielleicht noch mal versuchen will. Er sollte nicht sentimental sein. Aber der Nähe zum Tod, dem seltsam ambivalenten Reiz dieses Ereignisses kann er nicht entgehen. Da liegt ein Mensch, der seinen Lebensweg abgeschlossen hat. Der es hinter sich hat. Geschafft.

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