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Schriftsteller sehen dich an

Der alte, der neue und der für den Schreibtisch …

Der alte, der neue und der für den Schreibtisch …

Der neue Kalender hängt, der alte wird noch einmal durchgeblättert. Ich meine den Aufbau-Literatur-Kalender. Es begann mit einer eleganten Djuna Barnes, heller Seidenschal mit großen Punkten und Herrenhut mit Schmuckband. Die berühmte Autorin des berühmten, aber kaum gelesenen Romans „Nachtgewächs”. Als sie von Amerika nach Europa ging, sagte man ihr: „Sie werden in Paris sehr leiden müssen!” und es stimmte. Sie wurde da nicht glücklich. Im Januar das breite, verdächtige gutmütige Gesicht Daniil Granins, der übrigens am selben 1. Januar 1919 geboren wurde wie J. D. Salinger, der schon lange tot ist, während Granin noch lebt und in diesem Jahr in Deutschland einen neuen Roman herausbringt, „Mein Leutnant”. Ich habe ihn einmal für die Wochenpost interviewt, er gehörte damals zum (ehrenamtlichen) Beraterkreis von Präsident Jelzin und machte sich keine Illusionen. Ricarda Huch, 1946 am Schreibtisch. Sie schreibt mit einem Federhalter, die Tischplatte ist super aufgeräumt, ansonsten fast leer; das Gesicht ist voller Andacht, die Kleidung festlich, der Schreibakt als Kulthandlung. Walter Janka. Bildnis des Repressierten als unbeugsamer Mann. Der schräge Blick von Bohumil Hrabal, nachdenklich, unverwandt, skeptisch, der Mann, der beim Füttern der Tauben aus dem Fenster fiel. Nicht minder bemerkenswert Sean O’ Casey, wie er als 73jähriger die Schauspielerin McKenna anschaut, Rollkragenpullover, Schiebermütze, zerfranste Haare. Witz, Zuwendung, Erotik, Selbstironie, alles da. Plenzdorf, der graugewordene junge Mann der DDR-Literatur, die Brille mit den halbierten Gläsern wie eigentlich immer auf der Mitte der Nase. Jonathan Franzen mit dem uneingeschränkten Blick des Amerikaners, der Junge, der die besten Romane über den Kosmos Familie schreibt. Martha Gellhorn, die berühmte Kriegsreporterin, und Hemingway, 1941 auf Hawaii, ein glückliches Paar, wie es aussieht, aber das sollte sich bald als Irrtum erweisen. Hemingway war seinem Mythos verfallen. Mit einem breiten Stirnband, ins Universum hineinlächelnd David Foster Wallace. Jonathan Franzens Freund, Tennis-, Drogen- und TV-Crack, der Schriftsteller, der demonstrieren wollte, wie langweilig das Leben ist und die Literatur sein kann. Wir sind im September. Truman Capote im Hafen von Portofino, einen Mops im Arm, die Hosenbeine hochgekrempelt, wenn wir ihn sehen, denken wir an seine grotesk hohe Stimme, an seine Klatschsucht, an Frühstück bei Tiffany, denken wir auch an Philip Seymour Hoffman, der Capote im Film „Capote” spielte, und man konnte nicht glauben, dass er nicht Capote selber war, obwohl so ähnlich sie sich in Wirklichkeit nicht waren. Aber wenn ein Schauspieler wie Hoffman sagt, ich bin Capote, dann ist er Capote. Das Selbstbildnis von Einar Schleef, sehr reduziert, sehr treffend, die klirrend blauen Augen, der kirschrote Mund, das flachsgelbe Haar. Die Schauspieler am Berliner Ensemble hatte es nicht leicht mit Schleef als Regisseur. Schließlich sagte einer: „Wenn er lügt, stottert er.” Das war gemein, denn Schleef stotterte oft. Stieg Larsson unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn, eine Flasche Milch, ein Becher, eine Tasse, eine Landkarte und die Ruhe eines Mannes, der wusste, was er wollte. Das bleiche Gesicht von Robert Louis Stevenson, dem wir seine schwache Konstitution sofort glauben. „Es ist sprichwörtlich, dass wir uns selbst nicht kennen, bis wir auf die Probe gestellt werden.” Das kann schon sein. Und das war’s dann auch. Zwo Null Eins Vier. Shelagh Delaney („Bitterer Honig”) zündet sich ein Zigarillo an. Friederike Mayröcker sitzt unerschrocken zwischen ihren Papierbergen. Die Königin oder Gefangene ihrer Zettel. Das neue Jahr hat längst begonnen.

  1. Januar 8, 2015 um 7:26 pm

    Ich hatte den Aufbau Verlag Kalender schon in der hand, nun werde ich ihn wohl doch noch kaufen.

  2. Januar 8, 2015 um 8:41 pm

    Man bereut es nicht.

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