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Oblomow als Russen gesehen

Iwan Gontscharow, „nachdenkliche, gleichsam verschlafene Augen” Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag Berlin 1947

Iwan Gontscharow, „nachdenkliche, gleichsam verschlafene Augen”
Zeichnung: H. Thannhaeuser, Transmare Verlag Berlin 1947

Auf Oblomow zurückzukommen. Wir erfahren in Gontscharows Schrift einiges darüber, wie die Russen ticken, was wir lieber nicht zu wissen wünschten. Altmodisch waren sie schon immer, am Bestehenden festhaltend. Der robuste Betrüger Tarantjew, der es immer wieder versteht, Oblomow um Rubelchen, Kleidungsstücke und Champagner zu erleichtern, formuliert das urrussische Misstrauen gegen Erfolg, Geldvermehrung, kapitalistische Karrieren, wie sie für ihn der Deutsche Andrej Stolz, Oblomows Freund, verkörpert. „Ich habe gehört, dass er irgendeine Maschine anschauen und bestellen gefahren ist: offenbar eine Presse, um russische Geld zu drucken! Ich würde ihn ins Zuchthaus stecken … Aktien soll er haben … Ach, diese Aktien ärgern mich aufs Blut!” Ja. So wettert der Russe auf alles Innovative, Rührige. Erfolgreiche. Im Traum surft Oblomow aufs Gut der Familie und in seine Kindheit zurück. Das ist der Punkt, an dem Gontscharows Roman ein wenig zu deterministisch angelegt ist, er zeigt, dass Oblomows Trägheit eine lange Tradition hat, der ein Mensch einfach nicht entkommen kann: „Vielleicht bemerkte und begriff auch Iljuscha schon längst, was in seiner Gegenwart gesprochen und getan wurde: dass sein Vater in Plüschhosen, in einer braunen, wattierten Tuchjoppe tagaus, tagein nichts weiter tat, als mit den Händen auf dem Rücken von einer Ecke in die andere zu gehen, Tabak zu schnupfen und sich zu schneuzen, während die Mutter vom Kaffeetrinken zum Teetrinken und vom Teetrinken zum Mittagessen ging … Es hätte ihnen leid getan, wenn die Umstände irgendwelche Veränderungen in ihrem Dasein bewirkt hätten … Sie verbrachten ganze Jahrzehnte damit, zu schnaufen, vor sich hin zu dösen und zu gähnen oder in gutmütiges Gelächter über bäurischen Witz und Humor auszubrechen oder sich im Familienkreise zu erzählen, was jeder geträumt hatte … Dann vertrieb man sich die Zeit mit Kaffee, Tee und Eingemachtem. Darauf ging man allmählich zum Schweigen über. ” Kein anderer Autor hat es je gewagt, über einen fauleren Menschen als Oblomow zu schreiben. (Vorsicht! Was ist mit Beckett? Na ja. Vielleicht.) Und doch macht Gontscharow aus Oblomow keine Witzfigur. Ilja Iljitsch hat, wie wir oben sahen, biographische, aber auch philosophischen Gründe für seine Trägheit. Er kann nicht anders, als von der Nichtigkeit menschlichen Handelns überzeugt zu sein. Welchen Sinn hat das alles, wohin soll es führen. Geschäftigkeit, Tüchtigkeit widern ihn an. Wann haben die Menschen Zeit, zu sich zu finden, zu ruhen, in Ruhe nachzudenken. Inwieweit kennen sie sich überhaupt. Oblomows Anschauungen von der Welt haben einiges für sich. Aber wenn jemand schon in eine Verzagheit hineingewachsen ist wie er, dann ist der Schritt vom Denken zum Handeln unheimlich groß. Und doch ist dieser faule Mensch das Kraftzentrum von Gontscharows 700-Seiten-Roman. Sein Freund Andrej Stolz, der Deutsche, muntert Oblomow auf, ermutigt ihn, schützt Oblomow vor Betrügern und mehrt die Einnahmen aus seinem Gut und reist mit offenen Augen durch die Welt, aber wir merken schon an dieser letztlich blassen Gestalt, dass das tätige, tüchtige Leben nicht unbedingt erfüllend ist. Oblomows Verharren und Verlöschen natürlich auch nicht. Das Karussell des ewigen Strebens oder das Ideal der Ruhe und Tatenlosigkeit? Gontscharow, der sich übrigens auf den letzten Seiten des Romans selbst auftreten lässt („ein dicker Literat mit apathischem Gesicht und nachdenklichen, gleichsam verschlafenen Augen”), hatte weder im Leben, noch im Buch ein Rezept für sich und seine Leser. Aber er fand überall Fragen. Interessant, dass der Schriftsteller Hans Jürgen Fröhlich in Oblomow das anarchistische Potential entdeckt. Er sieht in ihm den Prototyp des unangepassten Menschen, der Verweigerer. „Oblomows Problem ist nicht das Phlegma, sondern seine Infantilität.”

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