Startseite > Deutsche Grammatik > Vor der Vorweihnachtszeit

Vor der Vorweihnachtszeit

Früher war mehr Lametta, aber viel weniger Licht

Früher war mehr Lametta, aber viel weniger Licht

Wir werden unser Bier heute im Böhmischen Garten trinken, aber wie wir dort vor der Tür stehen, sehen wir, dass es leer ist in der Kneipe bis auf Wirt und Wirtin, die auf die Stühle gestiegen sind, um die Weihnachtsdekoration anzubringen; wie man sieht, gehen sie ganz in dieser Aufgabe auf, man darf sie nicht stören. An der nächsten Ecke gibt’s den Gundelfinger im Souterrain, wir schauen durchs Fenster, auch diese Kneipe ist leer bis auf einen Tisch in der Ecke. Wären wir nicht ganz allein, also hinein. Wie es sich herausstellt: Der Mann am Tisch ist der Manager des Lokals, er bearbeitet seinen Laptop mit finsterer Miene. Zwei junge Mitarbeiter, Fräulein und Jüngling, sind mit Feuereifer beim weihnachtlichen Ausschmücken des Etablissements. Wir kommen vom Regen in die Jauche. In anderthalb Stunden erwartet man – nein, nicht Gäste – man erwartet Reservierungen. „Wir haben heute viele Reservierungen. Müssen dann die Tische umstellen.” Als Dekoration liegt hier schon normalerweise allerhand Zeug rum. Ein Schachspiel, ein paar lackierte russische Holzschuhe, echt gemütlich. Der Baum wird geschmückt. Das Fräulein fingert die bunten Kugeln aus einem meterlangen, festen Plastikschlauch heraus. Sie muss vorsichtig sein, um die Kugeln nicht zu zerdrücken, die Plastik knackt und kracht.

Traurig, dass man sein Bier, und wenn es Bitburger ist, mit solchen Begleitgeräuschen trinken muss, wir schauen, halb amüsiert, halb genervt, zu dem Fräulein in die Ecke, aber dieses, das Fräulein, bemerkt zwar unsere Blicke, forciert aber eher noch ihre Bemühungen, die Kugeln aus ihren Plastikgefängnissen herauszufingern. Wir geben zu bedenken, dass der Baum zusammenbrechen könnte, wenn man ihn zu sehr belastet, aber das Fräulein hat keine Angst (was sind das für Weiber!). Der Jüngling stellt sich auf einen Stuhl, um die Spitze des Baums zu dressieren, damit sie die Krone aufnehmen kann. Noch ist sie zu dick. Er schneidet mit einer Papierschere die Nadeln ab, geht alles. Dann bemerken wir aus ästhetischen Gründen, dass die Spitze des Baums zu lang ist und die Proportionen des an sich gut gewachsenen Baums verdirbt. Das scheint er einzusehen. Er schafft es tatsächlich, mit der Papierschere den überdimensionierten vertikalen Zweig zu kürzen, vielleicht ein Stückchen zu viel, so dass die Proportionen jetzt auf andere Art nicht mehr stimmen, dann schneidet er wieder Nadeln und Baumrinde ab, und die Krone sitzt (basst scho’).

Früher war mehr Lametta, zitiert Verheugen, aber es wird kaum gelacht, so dass er argwöhnt, man kenne in dieser Gegend Loriots Sketche nicht, doch, kennt man, sind Klassiker, aber man hat keine Lust zu lachen, muss ja alle Sinne bemühen, um weiter orgiastisch auszustatten und zu dekorieren, Girlanden, Zweige, Lichterketten. Ich will jetzt mein Geschenk, sagt Verheugen mit der heiseren Greisenstimme der Loriotsketche, aber auch darüber wird nicht gelacht. Wir teilen den fleißigen Deko-Handwerkern mit, dass wir schon unter Entzugserscheinungen leiden und bekommen ein frisches Bier.

Inzwischen hat das große Tische- und Stühlerücken für die Reservierungen begonnen, die Tische werden aneinander und schräg in den Raum gestellt, immer wieder werden die Winkel verändert, Stühle ausgewechselt, bis wir endlich dahinter kommen: Der Jüngling ist krankhaft motorisch. Er wird nie aufhören, im Raum herumzurennen und Krach zu machen.

Als wir gehen, erzählt er uns stolz, dass sie gar nicht alle Reservierungen annehmen können, so viele haben sie.

So kommt es, dass wir schon am 28. November von Weihnachten die Schnauze voll haben.

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: