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Konfusion als Kult

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Lichter am Luxemburg-Platz

Lichter am Luxemburg-Platz

Der Luxemburg-Platz in einer Winternacht ist nicht der schlechteste Ort in Berlin mit den Lichtern der Volksbühne, den Lichtern des Babylon und dem Licht des kleinen Pavillons, in dem zur Zeit Bücher ausgesuchter Verlage verkauft werden, falls Käufer kommen.

Erst als ich auf meinem Platz Nummer 4 in Reihe 21 sitze, wird mir klar, dass ich jetzt eine Revue zum 100. Geburtstag der Volksbühne sehen werde. Ach, Volk, du obermieses (nach Hacks). Die Kartenabreißerin hat allerdings gesagt, dass das zweieinhalb Stunden ohne Pause in Anspruch nehmen werde, was nicht wenig ist, wenn man weiß, dass die Akustik der Volksbühne die Deutlichkeit der gesprochenen Sätze verschlucken wird. Die Revue ist von Jürgen Kuttner und André Maier, inszeniert von Kuttner, der durchs Programm führt, und da wissen wir: Schnipsel-Ästhetik. Videoschnipsel, Schlagerschnipsel, Philosophieschnipsel, Monologschnipsel, Dialogschnipsel, Interaktivschnipsel, was heißen soll, das Publikum wird einbezogen, soll mal so, mal so klatschen, mal einen rauschenden Show-, mal einen nachdenklich-philosophischen Applaus von sich geben, mal ein paar Heiner-Müller-Sätze im Chor deklamieren und am Ende sogar ein paar Rollen (Werktätige, Liebende, König, Polizist, Werber) in einem schnell gedrehten und sofort aufgeführten Dokfilm übernehmen.

Vor der Revue

Vor der Revue

Dieses Experiment gelang schon dadurch, dass es heiter und kurzweilig war, auch wenn der grüne Veteran Jürgen Trittin, der mit Pickelhaube, Uniformrock und Schießgewehr idealtypisch aussah, von der Kamera bedauerlicherweise nicht erfasst worden war. (Was war da und warum war ausgerechnet das schiefgegangen) Kuttner spielte im weißen Smoking die Parodie des geschwätzigen Ansagers, die Konfusion als Kult, ich meine, er sollte lieber cool sein, und wenn nicht, dann müsste die Parodie konkreter zugeschnitten werden. Aber welcher Ansager der heutigen Zeit ist es noch wert, parodiert zu werden! Auch wenn Kuttners Schnipselabende in Berlin berühmt sind, ist es klar, dass die Welt und auch die Volksbühnenhistorie schnipselmäßig nicht erfasst werden kann (ebenso wenig wie Trittin). Manches zufällige oder auch überflüssige Solo wirkte in der umso exaltierteren Darbietung nervend. Ursula Karusseit quatschte mit der Brecht-Puppe der Puppenspielerin Suse Wächter, das war amüsant und anrührend, wie auch die verblüffende Hitler-Sequenz, ebenfalls mit einer Puppe von Suse Wächter, und ich sehe kommen, dass die Volksbühne irgendwann nicht weit von heute Erfolg mit einer großen Hitler-Revue haben wird, aber wer will das schon. Man will das Hohe (Mommsens Block), verschränkt mit dem Niedrigen (Eingabe eines Hausmeisters), aber wenn die Frau mit den Puppen den Abend für sich entscheidet, ist alles in Ordnung.

Nach der Revue (Installation von Bert Neumann)

Nach der Revue (Installation von Bert Neumann)

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