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Wie faul ist Oblomow

„Sie kommen aus der Kälte!”

„Sie kommen aus der Kälte!”

Jeder glaubt Oblomow zu kennen, auch wenn er den Roman von Iwan Gontscharow nicht gelesen hat, und die Überzahl hat ihn nicht gelesen. Oblomow – das ist die Faulheit, das Sinnbild der Faulheit, das Bekenntnis zur Faulheit. Und da man sich mit der Faulheit auskennt, meint man auch, das Buch nicht erst lesen zu müssen.

654 Seiten Faulheit in meiner angenehmen Dünndruckausgabe von dtv. Der Text wehrt sich sofort gegen das vorurteilsvolle Bild. Ilja Iljitsch Oblomow ist ein noch junger Mann (32 Jahre) von angenehmem Äußeren, kein Fettwanst, wenn auch leicht übergewichtig. In den Gesichtszügen kein Zeichen von Anspannung. Es fällt Oblomow schwer, das Bett in seiner Wohnung in St. Petersburg wirklich zu verlassen, auch wenn es genügend Gründe dafür gäbe. Das berühmte Verhältnis Herr und Knecht. Obwohl der Herr der Herr ist, kämpft Oblomow gegen die Sturheit seines knurrigen Dieners Sachar im großen und ganzen vergeblich, zumal er ja auch nicht wirklich kämpfen kann. Besucher kreuzen auf, werden von Oblomow im Chalat, im Schlafrock, und mit den Worten: „Nicht zu nahe, nicht zu nahe, Sie kommen aus der Kälte”, empfangen. Schon der indirekte Kontakt mit der Außenwelt ist Oblomow unangenehm.

Wir sehen bald: Oblomow ist kein gewöhnlicher Faulpelz und schon gar kein Dummkopf. Nicht uninteressant, was er über den Journalisten Penkin, eine gestandene Kreatur, denkt:

„In der Nacht schreiben … Wann schläft er dann? Aber seine fünftausend im Jahr wird er verdienen! Das ist ein Brot! Immer nur schreiben, die Gedanken und die Seele auf Kleinigkeiten vergeuden, die Überzeugungen wechseln, mit dem Verstand und der Phantasie hausieren gehen, seine Natur vergewaltigen, sich aufregen, kochen, lodern, keine Ruhe kennen und immer irgendwohin sausen … Und immer schreiben, immer schreiben, wie ein Rad, , wie eine Maschine: morgen schreiben, übermorgen; ein Feiertag kommt, es wird Sommer, und er schreibt und schreibt. Wann wird er aufhören und sich ausruhen? Der Unglückliche!

Er wandte seinen Kopf zum Schreibtisch, wo alles glatt, die Tinte eingetrocknet und keine Feder zu sehen war, und freute sich, dass er, sorglos wie ein neugeborenes Kind, dalag und sich nicht zersplittern und nichts verkaufen musste …”

Man spürt, dass Ilja Iljitsch Argumente hat, die man nicht leicht entkräften kann.

  1. Dezember 4, 2014 um 6:40 pm

    Ja, so weit bin ich auch gekommen beim letzten Versuch, Oblomow ganz zu lesen. Das war im Frühjar 2014. Was mir jetzt aufging: Heißt (Diener) Sachar tatsächlich Zucker? Und hast Du es durchgelesen? Ich werde es auf den Punkteplan für das neue Jahr setzen. Danke für den Anstoß.
    Grüße
    Renate

  2. Dezember 4, 2014 um 7:38 pm

    Ja, ich habe es ganz gelesen. Warum? Weil es einfach gut ist, wenn auch nicht besonders streng strukturiert (was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss). Zudem fand ich den Ton ziemlich frisch und zeitgemäß, um nicht modern zu sagen, jedenfalls in der Übersetzung von Josef Hahn. Gontscharow war offensichtlich ein seltsamer Mensch mit einem seltsamen Humor.
    Sicher, Sachar heißt Zucker, aber das macht figurentechnisch eigentlich keinen Sinn. Glaub nicht, dass Gontscharow daran gedacht hat.

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